Von Paul Hühnerfeld

Die junge deutsche Literatur hat mehr als ein Dutzend hochbegabter Autoren – Ilse Aichinger, Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann, Luise Rinser, Jens, Eisenreich, Richter, Bender, Eich, Scholz, Nossack, – aber sie hat keinen mit großem internationalem Rang. Wenn man nach einem solchen Autor gefragt wird, so liegt einem der Name Heinrich Böll oft auf der Zunge – im letzten Augenblick schluckt man ihn wieder herunter. Irgendwo fehlt diesem sympathischen, ehrlichen, alle Hochstapelei hassenden Mann der zündende Funke, der da sein müßte, um ihn mit den jungen Schriftstellerkönigen Frankreichs oder Amerikas zu messen. Sehr klar wird das wieder in seinem neuen Buch:

Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre. Roman, 141 S., 9,50 DM (bei Kiepenheuer & Witsch, Köln).

Eine gut komponierte Geschichte – wer wollte das leugnen. Die Geschichte eines jungen Mannes, dem’s auf dem Gymnasium, an dem der Vater Studienrat ist, nicht paßt, der Ingenieur wird, Angestellter einer Waschmaschinenvertretung, mit der Aufgabe, die defekten Maschinen der Kundschaft zu reparieren. Ein normaler junger Mann, mit Volkswagen, geordnetem Gefühlsleben und regem, aber nicht gefährlichem Intellekt. Aber da ist etwas, das er nicht verwunden hat: die Hungerjahre vor der Währungsreform, in denen er seinem Vater Bücher klaute, um ein Stück Brot dafür zu bekommen. Von daher hat sich der junge Ingenieur ein untrügliches Kriterium für seine Mitmenschen bewahrt: er teilt sie auch heute noch, lange Jahre nach 48, in solche ein, die Brot abgeben würden, und solche, die das nicht tun. Ein bestürzend einfacher und gleichzeitig hoher Maßstab: denn der junge Mann, sein Autor Böll (und auch wir Leser) wissen, daß in die erste Kategorie nicht allzu viele Menschen gehören ... Die große Wandlung in diesem Durchschnittsleben bringt das Mädchen Hedwig; sie ist aus dem Heimatsort des Ingenieurs, der sie aus Freundlichkeit vom Bahnhof abholt. Als er sie sieht, liebt er sie. Und weil er sie mit der Totalität eines überwältigenden Gefühls liebt, muß er alles aufgeben: Stellung, Waschmaschinen und schon vorhandene Braut. Das Ende des Romans ist das Ende des "Brotes der frühen Jahre", der Jahre vor dem eigentlichen Leben, das an einem Montagabend mit Hedwig beginnt.

Das ist eine eindrucksvolle, streng konzipierte, wenn auch nicht originelle Fabel. Böll ist zu Beginn am besten, da, wo Hedwig noch nicht auftaucht. Gern hätte man ihrem Zug etwas Verspätung gewünscht, damit der Autor noch einige Seiten mehr ungestört Rückblicke in die R-Mark-Zeit, in das mit sublimer Liebe geschilderte Verhältnis zwischen Vater und Sohn, hätte geben können. Die schönsten Sätze des ganzen Buches stehen auf Seite 15. Vater und Sohn haben sich in jenen ersten Jahren nach dem Krieg manchmal ein Brot extra aus einer Bäckerei abholen dürfen; eines Abends aber erklärt der Bäcker hart, er habe kein Brot: "Damals dauerte es einige Sekunden, bis wir uns gefaßt hatten ... Ich beobachtete Vaters Gesicht ängstlich, aber es war nicht anders als sonst: stolz und heiter. Erst als wir zu Hause waren, sagte er: ‚Ich habe seinem Sohn gestern eine Fünf geben müssen.‘"

Die Geschichte der Liebe zwischen Hedwig und dem jungen Ingenieur dagegen ist nicht überzeugend. Das liegt daran, daß die Figur der Hedwig überhaupt nicht faßbar wird – eine merkwürdig farblose Frau ohne Konturen. Mag sein, daß Böll gerade diese Farblosigkeit als Beweis für die Macht der Liebe demonstrieren wollte; dann aber mußte der Wer: des farblosen Mädchens für den Liebenden gerade in ihrer Konturlosigkeit bewiesen werden. Das Objekt einer Liebe, die einen so mit beiden Beinen in der Welt stehenden Mann zur Aufgabe seiner bürgerlichen Existenz bringt, muß ein ausgefülltes Du sein – sonst glaubt der Leser nicht an diese Liebe.

Noch bestürzender als die Armut der Figur ist in diesem Buch – das muß offen gesagt werden – die Spracharmut des Autors. Auch hier ist schwer zu unterscheiden, was gewollte Kargheit, was Begrenztheit der eigenen Mittel ist. Aber man der doch wohl annehmen, daß zum Beispiel die peinlich häufige Verwendung des Adjektivs "rot" (in der Variation "blutrot" und "knallig rot" bis zu fünfmal auf einer Seite), mit der Böll etwas Agressiv-Dinglich-Sinnliches aussagen will, ein Zeichen echter Spracharmut ist. – Nein, es hilft nichts: trota schöner Passagen ist dieser kleine Roman für den Schriftsteller Böll ein Rückschritt. Vielleicht schwebte ihm vor, nach einem so kunstvoll komponierten Roman wie "Haus ohne Hüter" jetzt etwa! Schlichtes zu schreiben: gelungen ist ihm nicht große, sondern dürftige Einfachheit.