Im vergangenen Jahr sind in der Bundesrepublik 349 000 Fernsehgeräte hergestellt und etwa 90 v. H. davon über den Fachhandel in Westdeutschland und Westberlin verkauft worden. Für dieses Jahr hat sich die Industrie auf ein Produktionsvolumen von rund 600 000 Geräten eingestellt. Dies bedeutet, daß Ende 1956 fast eine Million Fernsehgeräte in Betrieb sein dürften. Das ergäbe an den Bildschirmen eine durchschnittliche Zuschauerzahl von etwa vier Millionen. Allein im Februar wurden 33 027 Neuanmeldungen vorgenommen, so daß am 1. März bei den Postämtern im Bundesgebiet und in Westberlin 361 129 Fernsehteilnehmer gemeldet waren. Leider ist darin die verhältnismäßig hohe Zahl von "Schwarzsehern" nicht erfaßt; sie wird von Fachleuten mit 120 000 angegeben...

Die günstige Entwicklung der Fernsehteilnehmerzahlen bestätigt die Auffassung, daß damit ein lohnenswerter Werbeträger herangewachsen ist, an dem die Werbewirtschaft nicht mehr desinteressiert vorübergehen kann. Gewiß sind, wie bei allen Neuerungen, auch bei uns hinsichtlich der Aufnahme des Werbefernsehens Skeptiker .vorhanden, die auf nicht zu leugnende Schwierigkeiten hinweisen. Aber eines muß man den deutschen Plänen zugute halten: ihnen stehen die Erfahrungen der USA und Englands zur Verfügung, die ohne kostspielige Experimente nutzbar gemacht werden können. Schon längst wünschen auch die deutschen Zuschauer ein Auswahlprogramm. Daß aber die Rundfunkanstalten dieses zweite Programm stellen, dagegen sprechen verschiedene Faktoren, die nicht übersehen werden sollten. Auf keinen Fall dürfte die Leitung beider Programme in einer Hand liegen. Auch hier sind die englischen Erfahrungen nützlich: die Fernsehprogramme sind nach der Einführung des Werbefernsehens ebenfalls bei der BBC viel besser geworden. Allein schon die Kostenfrage läßt sich durch die Rundfunkanstalten nicht lösen, weil die notwendigen Mittel für die Erstellung eines zweiten Programms von den Rundfunkanstalten nicht aufgebracht werden können. Als Ausweg bleibt die Einführung des Werbefernsehens auf einer eigenen Welle.

Welche Chancen hat also der Fernsehteilnehmer künftig zwischen zwei Programmen zu wählen? Für den Anfang müßten die Rundfunkanstalten wohl einer Übergangslösung zustimmen und die bisher sendefreien Zeiten dem Werbefernsehen zur Verfügung stellen. Nach einer etwa zweijährigen Übergangszeit wären dann die technischen Voraussetzungen für das zweite Netz gegeben. Seitens der werbungtreibenden Wirtschaft wurde erklärt, daß sie zur Finanzierung eines solchen Vorhabens bereit ist und der Bundespost die für den Ausbau einer zweiten Strecke erforderlichen Mittel – es sind etwa 40 Mill. DM – zur Verfügung stellen will. Über die Frage des Programms wird seitens der Deutschen Fernsehwerbung GmbH erklärt, daß sie sich mit Vorrang auf den guten Werbefilm stützen will und besonderen Wert auf ein erstklassiges Niveau legt. Daß wir in dieser Hinsicht unbesorgt sein können, dafür garantiert eigentlich schon die aktive Mitarbeit der am Start des deutschen Werbefernsehens stark interessierten Markenindustrie. Selbst Befürchtungen einzelner Verleger, die in dem Werbefernsehen eine Gefahr für ihr Anzeigengeschäft sehen, dürften jetzt überholt sein: in England ist bei den Zeitungen das Anzeigenvolumen im Vorjahr trotz der Einführung des Werbefernsehens um rund 19 v. H. gestiegen... we.