Stalin ohne Maske: Die eigentliche Sensation des XX. Parteikongresses waren Chruschtschows nachträglich bekanntgewordene Enthüllungen über Stalin auf einer geschlossenen Sitzung am 24. Februar. Chruschtschow beschuldigte bei dieser Gelegenheit Stalin des Verfolgungswahns, des Antisemitismus, der Ermordung von 5000 Offizieren, darunter Marschall Tuchatschewskis, und anderer Gewalttaten. Das in den öffentlichen Sitzungen des Parteikongresses über Stalins Personenkult Gesagte erhält dadurch neues Gewicht. Aus der ausdrücklichen Erwähnung der militärischen Opfer Stalins kann man schließen, daß Chruschtschow von den Spitzen der Armee zu dieser schonungslosen Abrechnung mit Stalin gedrängt wurde. Die nächste Frage ist, ob der Rehabilitierung der Opfer Stalins eine Bestrafung seiner Mitschuldigen und Helfershelfer folgen wird. Anzeichen hierfür liegen bisher nicht vor.

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Tiflis: "Lang lebe Stalin", riefen Studenten und Schüler in der georgischen Hauptstadt Tiflis, rissen Bilder der jetzigen Sowjetführer von den Häuserwänden und verlangten den Rücktritt Chruschtschows. 15 000 Parteiagitatoren reisten nach Georgien, um die Bevölkerung über den neuen Kurs in Moskau aufzuklären. Für die Georgier ist dies ein schwacher Trost. In Wahrheit liegt ihnen viel weniger an dem guten Ruf Stalins als an ihrer Freiheit.

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Wehrpflicht oder Berufsheer: Der sozialdemokratische Parteivorstand und der Militärsachverständige der Deutschen Partei, Schneider, haben sich gegen die allgemeine Wehrpflicht und für ein Berufsheer ausgesprochen. Die SPD hauptsächlich aus politischen, der DP-Abgeordnete ausschließlich aus militärischen Erwägungen. Die SPD war bisher gegen ein Berufsheer, weil sie fürchtete, anidemokratische Kräfte unter der Berufsmilitärs könnten in ihm die Oberhand gewinnen. Die mit der neuen Wehrverfassung. gegebenen starken Kontrollmöglichkeiten des Parlaments haben diese Bedenken zerstreut. Außerdem hält der Militärexperte der SPD, Erler, eine Armee von langdienenden Berufssoldaten angesichts der hohen technischen Anforderungen im Zeitalter des Atomkrieges für zweckmäßiger als eine Armee von Wehrpflichtigen. Für die allgemeine Wehrpflicht setzt sich nach wie vor die CDU ein und die FDP. Obwohl also nach wie vor für die Wehrpflicht im Bundestag eine Mehrheit besteht, ist die Frage Wehrpflicht oder Berufsheer durch den Beschluß der SPD und der DP von neuem Diskussionsthema geworden.

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Tunis und Marokko: Französische und tunesische Unterhändler einigten sich auf eine Unabhängigkeitserklärung für Tunesien. Gleichzeitig kam aus Marokko die Nachricht, daß die "Nationale Befreiungsarmee" in Ostmarokko die Waffen niederlegen werde.