Thomas Dehler hat zu seinen rednerischen Trophäen eine neue hinzugefügt, das Wort vom verbrecherischen Konkordat (dem Reichskonkordat vom Jahre 1933). Die weltpolitische Bedeutung der bayerischen Gemeindewahlen in allen Ehren, aber das Wort vom verbrecherischen Konkordat war doch eine recht merkwürdige Gabe auf den Geburtstagstisch des 80jährigen Papstes, der als Staatssekretär der Kurie, Eugenio Pacelli, an dem Zustandekommen des Konkordats einen maßgeblichen Einfluß gehabt hatte. Dr. Dehler interpretierte nachher: das schmückende Beiwort verbrecherisch habe sich nur auf Hitler bezogen, wobei er es dem Scharfsinn scholastisch geschulter Zeitgenossen überläßt, herauszufinden, wieso und warum der eine Unterzeichner eines verbrecherischen Abkommens unschuldig ist.

Was eigentlich hat es mit diesem Konkordat auf sich, das am 20. Juli 1933 in einer feierlichen Sitzung im Vatikan von dem Vizekanzler von Papen und dem Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli unterzeichnet wurde? Was der Herr von Papen nach Rom mitnahm, war ein Entwurf, der schon lange in den Schubladen der Weimarer Republik lagerte. Schon Ebert hatte ein Reichskonkordat angestrebt (bis zum Dritten Reich gab es ja nur Länderkonkordate), um den geistigen und kulturellen Führungsanspruch des Reiches sichtbar zu machen. Kardinalstaatssekretär Pacelli, der heutige Papst, war damals skeptisch, ob man mit Hitler ein Konkordat schließen solle. Aber der Vatikan stand wahrscheinlich auf dem Standpunkt: Hitler vergeht, das Reich aber besteht, als er das Konkordat mit Hitler schloß.

So, wie die katholische Kirche, verhielten sich alle politischen und sozialen Gruppen und Bewegungen in Deutschland bis tief in das Dritte Reich hinein. Alle gingen davon aus, daß man vielleicht einen Rest des alten Deutschlands, der eigenen Welt, der eigenen Idee und des eigenen eigenen mus, werde erhalten können, wenn man sich zusammenkauere, sich bis zu einem gewissen Grade unterwerfe, Mimikry treibe und sich tot oder sterbend stelle, wenn man Hitler in einem bestimmten Umfang durch ein gewisses Maß von Mitarbeit binde und verpflichte. Der Sturm mochte dann über einem hinweggehen; die Krone mochte zerbrechen, aber die Wurzeln und selbst ein Stück des Stammes würden vielleicht überdauern.

So haben sie alle mit Hitler paktiert, Deutschnationale, Nationalliberale, Zentrum, Freie Demokraten, Gewerkschaften, Sozialdemokratie, alle, von denen viele nachher ein leuchtendes Beispiel des Heldenmuts in Widerstand gegen Hitler gaben. Die bürgerlichen Parteien – Deutsche Volkspartei, Zentrum, die Staatspartei – nahmen das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 an, ein verfassungsänderndes, ja Verfassungsbeseitigendes Gesetz, und die SPD machte keinen ernsthaften Versuch, die Beschlußunfähigkeit des Reichstags herbeizuführen. Es war die Vorstellung, die auch später der Außenpolitik der Demokraten gegenüber Hitler zugrunde lag: Reizt Hitler nicht zum Äußersten, führt nicht das Unwiderrufliche herbei, vielleicht kann dann doch der passive Widerstand in der Nation – die stille verborgene verdrossene Widersetzlichkeit, ein unfaßbares und unangreifbares Widerstreben – bewirken, daß diese nationalsozialistische Revolution irgendwo steckenbleibt und in der Tiefe die Institutionen und Organismen der Freiheit erhalten bleiben.

So marschierten am 1. Mai die Gewerkschaften hinter dem Hakenkreuz (um dann am Tage nachher zerschlagen zu werden). Am 17. Mai nahm der Deutsche Reichstag einstimmig – mit den Stimmen der deutschen Sozialdemokratie – eine Resolution an, die der Regierung Adolf Hitler bescheinigte, daß sie vom reinsten Friedenswillen beseelt sei, und daß das Ausland von dieser Regierung nicht das mindeste zu fürchten habe.

Diejenige politische Gruppe also, die nicht auf diese Weise versuchte, das Grundgewebe ihrer selbst und der politischen Freiheit in Deutschland zu erhalten, werfe den ersten Stein!

Auch die Kirche handelte so. Niemand wollte die Verantwortung übernehmen – hier kann man einmal dem Herrn von Papen durchaus zustimmen – eine mögliche Chance zu verpassen, das Dritte Reich auf die Erhaltung der Religionen und Kirchen in Deutschland festzunageln. Es drehte sich dabei ja nicht nur um Konfessionsschule oder Gemeinschaftsschule, sondern darum, daß man vermeinte, das Reich Adolf Hitlers in den Rahmen einer inneren deutschen und internationalen Gesetzlichkeit einzufügen und Hitler zu der Anerkennung zu bewegen, daß es größere und höhere Gewalt gibt, als ihn allein.