Nun mag man sagen, daß von der Kirche mehr gefordert war als von den deutschen Parteien. Die Kirche selbst als eine jahrtausendjährige geistige Macht konnte in ihrem Wesen und in ihrer Seele von dem Vertrag mit Hitler nicht gefährdet werden. Sie besaß den langen Löffel, den man nach einem englischen Sprichwort haben muß, wenn man mit dem Teufel soupieren will. Aber die Kirche maß vielleicht die übrige Welt und vor allem die übrigen Deutschen zu sehr an ihrer eigenen Kraft des Widerstandes und an ihrer eigenen Selbstsicherheit. Für den gewöhnlichen Sterblichen aber blieb der Pakt zwischen der moralischen Weltautorität, der römischen Kirche, und einem Monster wie Hitler verwirrend. War doch dieser erste außenpolitische Vertrag Hitlers – eine internationale Visitenkarte, die ihm überall Eingang verschaffte.

Die Kirche konnte so unbekümmert mit Hitler verfahren, weil für sie die Staatsformen und politischen Ordnungen immer nur flüchtige Erscheinungen und wechselnde Gestalten eines Dauernden sind. Es vergehen die Herrscher, es bleiben die Völker. Das erkannte man nach dem Zusammenbruch von 1945, als der Papst der erste war, der vor der Welt feststellte, das das deutsche Volk Hitler überdauert habe und überdauern müsse, wenn Europa überdauern solle. Als die Deutschen für fast die ganze Erde aussätzig waren und Deutschland nach dem Wort der Bibel zu einem "Greuel und Namen" unter den Völkern geworden war, da erhob schon im Juni 1945 der Papst seine Stimme: er habe die besten Jahre seines reifen Lebens unter den Deutschen verbracht und dabei Gelegenheit gehabt, "die hervorragenden Eigenschaften dieses Volkes kennenzulernen". Daher habe er auch die Zuversicht, "daß es sich wieder zu neuer Würde und zu neuem Leben wird erheben können".

Michael Freund