Aldous Huxley, der Mystiker aus der Familie der exakten Biologen, ist, wie man aus seinen Romanen der zwanziger Jahre weiß, ein Spötter von ätzender Schärfe und von fast grausamem Vergnügen an der Entlarvung. Sein neustes Werk, kein Roman, sondern eine größere Novelle:

Aldous Huxley, "Das Genie und die Göttin." Deutsch von Herberth E. Herlitschka. R. Piper & Co., München, 184 Seiten, 9,80 DM

zeigt, daß auch der Sechzigjährige nichts von seiner so kühnen Lust am Demaskieren eingebüßt hat – nur daß er sich diesmal eines der erhabensten Leitbilder unserer Gegenwart als Objekt nimmt: den nobelpreisgekrönten Kernphysiker und Kybernetiker (einen völlig fingierten natürlich). Schon die wie immer bei Huxley virtuose Einkleidung der Story schlägt das Motiv der Demaskierung an: Ein Schüler und engster Mitarbeiter des großen, vor kurzem 87jährig verstorbenen Henry Maartens hat soeben dessen offizielle Biographie vollendet ("... der einsame Denker, der doch der liebevollste Familienvater war, der vergeßliche Professor mit dem Kopf in den Wolken, aber dem Herzen auf dem rechten Fleck ...") und erzählt nun seinem alten Freund Aldous Huxley, dem Romancier, daß die Wirklichkeit "leider nicht ganz so simpel war wie der offizielle Roman". Im Zwiegespräch zeichnet sich das für die legendensüchtige Mitwelt tatsächlich völlig unannehmbare, dennoch aber rigoros wahrhaftige Bild dieser Wirklichkeit ab.

Da ist also "das Genie" – eben Henry Maartens, elektronisches Gehirn, so etwa das, was sich ergibt, wenn man die geistigen Potenzen Einsteins, Oppenheimers, Schrödingers und anderer eminenter Theoretiker addiert und dann von der Summe alles das; abzieht, was an diesen Männern persönlich und individuell menschlich war oder ist. Dann bleibt: auf der einen Seite nahezu ein "Laplacescher Dämon" an Sicherheit der exakten Erkenntnis, auf der anderen eine hemmungslose Sinnlichkeit, die sich bei fehlender Triebbefriedigung als kindische Hysterie auf die Umgebung entlädt.

Ihm zur Seite "die Göttin", Katy, seine junonische Gattin, für ihn kaum mehr als Objekt seiner erotischen Bedürftigkeit, aber mit der Genialität eines großen Herzens diese schauderhafte Situation lange Zeit durch Humor meisternd, bis – ja, bis auch ihr die Stunde schlägt. Denn als Henry durch eine veritable und lebensgefährliche Lungenentzündung ihre vorzeitige Rückkehr vom Sterbebett ihrer Mutter ertrotzt, da verläßt sie die Kraft zu helfen, und sie findet sie – erdhaft, eine "geborene Heidin" – erst wieder, als sie den störrischen Gatten mit dem streng puritanisch erzogenen Assistenten (und späteren Biographen) betrogen hat.

Die Situation kompliziert sich aber noch wesentlich durch Henrys und Katys fünfzehnjährige Tochter Ruth. In dieser Figur, steckt, so möchte der Leser vermuten, ein wenig Satire auf die zwei berühmten jungen Dichterinnen unserer Jahre: Françoise Sagan und Minou Drouet. Denn Ruth dichtet nicht nur, sie ist als Dichterin ganz und gar erpicht auf Tristesse, sie schreibt – schlechte Gedichte notabene – im Stil der Weltschmerzlyrik des Fin-de-Siecle und bedient sich dabei der Methoden des (surrealistischen) Automatismus. Eines ihrer Gedichte aber, das letzte ihres jungen Lebens, wird gut. Das ist das Gedicht, in dem sie schildert, wie zwei Ehebrecher sich vor dem Richter des Jüngsten Gerichts verantworten müssen. Denn Ruth hat sich, weil sie nach Unglück verlangt, in den Kopf gesetzt, sie liebe den Assistenten, und begreift mit dem sechsten Sinn, daß der von ihr unglücklich Geliebte der Geliebte ihrer Mutter ist...

Katy und Ruth finden ein tragisches Ende – tragisch in sich, doch nicht für Henry. "Henry spürte sich bald eine junge Rothaarige auf, die Alicia hieß. Alicia wollte für ihre 95er Büste bewundert werden, aber noch mehr für ihren 500er Intellekt. Und er lebte, wie gesagt, bis zu seinem siebenundachtzigsten Jahr, immer noch voll von dem, was seinem Biographen beliebt, den unverminderten Glanz seiner Geisteskraft‘ zu nennen."