Alkohol in jeder Form spielt eine große Rolle "am grünen Strand der Spree", dem Roman, für den Hans Scholz den Fontane-Preis 1956 der Stadt Berlin bekam. "Die Volle Pulle" heißt das Berliner Lokal am Steinplatz, wo – wie die Fama der ein bißchen provinziell gewordenen Stadt meldet – der nämliche Hans Scholz bisweilen, sagen wir: Anschauungsunterricht nahm. Aber es begann schließlich schon 1911 mit dem Geburtshaus in der Motzstraße, direkt neben Kottier, dem berühmten Schwaben wirt, Nähe Nollendorfplatz.

Und doch ist das alles andere als ein versoffener Maler-Bohémien, dem da Fontanes märkischer Lorbeer aufs doch schon stark ergraute Blondhaar gedrückt wurde. Wohl versteht dieser untersetzte, kiefernstämmige Mann zu zechen, Essen und Trinken schmeckt – den Taillenumfang lassen wir deshalb besser weg in diesem Porträt –, wohl malte er auch – und ganz besonders gern auf große Wandflächen, Figuren nicht unter 2,50 Meter. Aber diese blauen Augen blicken sehr klar, ein bißchen amüsiert und zurückhaltend witzig, auch noch nach der letzten Flasche. Dann besinnt er sich gern auf seinen ersten Beruf: Musiker, Saxophon und Klarinette. "Aber die Puste reicht nicht mehr, wissen Sie."

Diesem Ur-Berliner glaubt man beides: die trokene, etwas salopp-resolute Redeweise – viel Herz in all dem Verstand –, und auch die feuchtfröhliche, den naßforschen Kasinoton treffend parodierende Tafelrunde in einer Bar, Berlin W, wo ein paar alte Kriegskameraden "zehn Jahre danach" die Rahmenhandlung zelebrieren für den fontanepreiswürdigen "Grünen Strand der Spree".

"Das ist ein Buch mit roten Streifen an der Hosennaht ...", soll der Stabsarzt a. D. Gottfried Benn geäußert haben, nachdem er Scholzens erstes und gleich so ins Schwarze treffendes Buch gelesen hatte. Autor war zwar am Ende des zweiten Weltkrieges Leutnant, und "janze Menge mitjemacht" haben muß er auch; mit dem Generalstab hatte er aber nichts zu tun. Kraftfahrer "beim Train" nennt er das, und immer, wo es gerade kritisch wurde; dann zur Infanterie versetzt, aber – in den toten Winkel nach Norwegen. Benn, dem die Norwegen-Passage von Scholz’ Roman am besten gefällt, meint das befördernde Wort von den roten Streifen wohl auch nicht unbedingt militärisch.

Kriegsschauplätze aller Art in seinem Buch, aber nirgends à la Hemingway, à la Remarque, à la Mailer – immer à la Hans Scholz, Berlin. Alle Rezensenten lobten die ganz ungewöhnliche Frische, den neuen, eigenen Jargon, die Vielseitigkeit der erzählerischen Perspektiven und Ebenen, die Sicherheit speziell im märkischen Dialekt, den unter den Gegenwärtigen keiner bisher so lautschriftlich genau traf wie Scholz, dem der Fontane-Preis darum so wohl ansteht, daß er den "Grünen Strand" fast. für diesen Preis geschrieben haben könnte. Er ist auch insofern Berliner, noch mehr als sein Vater, ein heute noch tätiger geschätzter Rechtsanwalt, der aus Schlesien stammt und seine Mutter aus Ostpreußen.

Scholz ist auch in Gesellschaft ein gesuchter Fabulierer, und so läßt er sich, scheinbar immer gut gelaunt und ausgeschlafen, als attraktiver Junggeselle von Party zu Party locken. Ein Abend mit "Scholzi-Polzi" kann nicht schiefgehen, denn er ist zu alledem noch eine Stimmungskanone von der Art, die auch andere zu Worte kommen läßt, die Stillen in der Runde einbezieht und jedem das Gefühl vermittelt, er sei ja eigentlich auch ganz geistreich, man höre ihm zu, sogar der prächtige Scholz nicke fröhliche Zustimmung.

Das beste an dem Mann ist seine Prosa. Das zweitbeste seine Gesinnung. Er scheut sich nicht, sein Buch gleich mit der exakten Augenzeugenbeschreibung vom Mord deutscher SS- und Militärpolizei-Einheiten an Juden in den besetzten Ostgebieten zu beginnen. Was er hier geleistet hat, gehört auch literarisch zu den überzeugendsten Stücken, die über dieses düsterste deutsche Thema geschrieben wurden – von einem nichtjüdischen Autor zumal. Andererseits gibt es auch in der Wehrmacht des Hans Scholz Charaktere mit Zivilcourage, Einsicht, Edelmut, ja, Große...

"Von den Nazis nahm ich Aufträge an", sagte er, "nicht für Parteibauten, nur ‚Heeresaufträge‘, Wandbilder zumeist. Das tut mir heute leid, denn so was gehört zu den häßlichen Sünden, aus denen die Kollektivschuld entsteht ..." Später hat er im Ostsektor der Stadt gearbeitet. "Professor Grohmann ließ in Westberlin nur Abstrakte zu, und er hat ja eine Schlüsselstellung im Kunstleben der Stadt, richtiger: eine Zangenstellung. Ich war zwar einmal Meisterschüler der Preußischen Akademie der Künste, keine ganz gewöhnliche Auszeichnung, aber ich male nun mal gegenständlich. Kirchenaufträge? Nein, da kann ich auch wieder nicht mit meiner Meinung hinter dem Bilde stehen. Für die Stalinallee zu malen, mußte ich aus dem gleichen Grunde ablehnen. So geht’s Malern. So wird man Romanautor..." Thilo Koch