H. K., Wilhelmshaven

Ein Schuljahr ist zu Ende. Die 770 000 Schulentlassenen räumten leichten Herzens die Bänke. Unter ihnen sind mehr als 380 000 Jungen und fast 390 000 Mädchen. Es sind die Kinder des Kriegsjahrgangs 1941/42, und viele von ihnen hatten eine bewegte, oft sehr schwere Kindheit. Die Türen zum Berufsleben jedoch finden sie jetzt weiter geöffnet als ihre Vorgänger. Für jeden Jungen und für jedes Mädchen ist diesmal – zum erstenmal seit Kriegsende – eine Lehrstelle da. Die Zahl der Lehrstellen deckt sich genau mit der der Schulentlassenen.

Aus den Berichten der Arbeitsämter geht hervor, daß ein großer, ein zu großer Teil der schulentlassenen Jugend – oft auf Geheiß der Eltern – in die Industrie strömt. Ein Fünfzehnjähriger steckte sein Entlassungszeugnis lässig ein und meinte mit strahlendem Gesicht: "In der großen Fabrik dort draußen am Stadtrand gibt es Geld. Stift will ich nicht sein. Ich habe mir schon genau ausgerechnet, was ich in den nächsten Monaten und Jahren verdienen kann. Und Lohnerhöhungen gibt es ja auch mal!" Der kleine Realist legt auch schon Wert auf die Altersversorgung im Großbetrieb. Das hatten ihm die Eltern erklärt.

Oft schüttelten die Berufsberater und Arbeitspsychologen in den letzten Wochen die Köpfe, und zwar nicht nur über die jungen Menschen und ihren oft bitteren Realismus, sondern mehr noch über das Drängen mancher Eltern zum Geldverdienen der Kinder. Die heranwachsende Generation, dies zeigen die Meldungen bei den Arbeitsämtern, schreckt auch nicht vor der Hilfsarbeit zurück. Im Gegenteil: Sie wurde von Jungen und auch von manchem Mädchen einer guten Lehrstelle vorgezogen. Der Drang zum Golde und die Konjunktur haben sogar schon die Schulbuben erfaßt. Die Industrie und das Handwerk suchen 300 000 Lehrlinge. Auch die Landwirtschaft hat großen Nachwuchsbedarf. Rund 80 000 Höfe warten auf kräftige Jungen und Mädchen, die anpacken können. Aber sie werden sie nicht finden. Die westdeutschen Kohlenzechen können 12 000 Jungen brauchen, werden sie aber auch in diesem Jahr nicht kriegen. Trotz der guten Verdienstmöglichkeiten ist die Lust zu diesem schweren Beruf nicht groß. Dagegen hat die Metallindustrie Mühe, alle die Jungen unterzubringen, die sich von der Schule, weg an die Werkbänke und Fließbänder drängen. Auch das Büro in Wirtschaft und Verwaltung hat magnetische Kraft. Rund 150 000 kaufmännische Lehrlinge werden gesucht.

Was für die meisten Burschen die Industrie ist, ist für eine große Zahl von Mädchen der Schreibtisch und die Schreibmaschine. Es wird deshalb schwer sein, die 40 000 Lehrstellen in der Hauswirtschaft wenigstens zur Hälfte zu besetzen. Die frühreifen, schulentlassenen Mädchen träumen nicht mehr, sondern sie planen: saubere und angeblich leichte Arbeit mit Stenostift und Schreibmaschine. Vielen aber fehlen die Voraussetzungen für die Stenotypistin, Buchhalterin oder gar Sekretärin. Die Klassen der öffentlichen oder privaten Handelsschulen werden überfüllt sein. Der Andrang ist sehr groß, die Zahl der guten Fachlehrer jedoch klein. Welches Mädchen will heute noch Friseuse, Verkäuferin in einem mittleren oder gar kleinen Geschäft werden?

Das Stiefkind mit den größten Nachwuchssorgen ist mehr denn je das Handwerk. Hat es wirklich keinen goldenen Boden mehr? So müssen die Bäcker schon die Hilfsschüler – die früheren Hilfsarbeiter – in die Backstuben holen, um überhaupt noch Lehrlinge zu bekommen. Auch viele andere Handwerksberufe wissen nicht, wie sie die klaffende Nachwuchswunde heilen sollen. Dabei bekommt z. B. ein Dachdeckerlehrling im ersten Lehrjahr immerhin seine 73 Mark im Monat. Die Statistiker weisen nach, daß die Nachwuchssorgen in den nächsten Jahren immer größer werden müssen. Westdeutschland wird von 1957 bis 1960 einen großen Lehrlingsmangel haben. Im Jahre 1960 werden 200 000 Schüler weniger die Schulen verlassen als heute. Großbetriebe gehen bereits dazu über, Nachwuchs für die nächsten Jahre zu "horten". – Wir scheinen drauf und dran, eine ganze Gesellschaftsordnung auf der Konjunktur aufzubauen. Die Kräfte, die solchen kurzfristigen Wechselgeschäften im Berufsleben entgegenwirken, sind zu schwach.