Ostern, da Konfirmation, Versetzung, Einschulung und Abitur in kinderreichen Familien zusammenprallen, ist die entscheidende Zeit, in der Elternweisheit ihre übermütigen oder verzweifelnden Kinder zur Besonnenheit leiten, in der aber oft auch Unverständnis der Erwachsenen die unsichere Jugend in Katastrophen stürzt; der rechte Jahreszeitenwechsel also, um sich in die Eltern-Kinder-Beziehung vergangener Jahrhunderte gleichnissuchend zu vertiefen und in den durchaus nicht immer beglückten Briefen gutmeinender, aber verständnisloser Eltern an ihre berühmten Söhne neuen Mut für die eigenen Kinder zu finden. Solche Briefe sind gesammelt in

"Liebster Sohn ... liebe Eltern – Briefe berühmter Deutscher", herausgegeben von Paul Elbogen, Rowohlt Verlag Hamburg, 9,80 DM. Wenn die Mutter Schillers zu Weihnachten 1780 klagt: "Es sind hier wirklich alle Artikel im höchsten Preis, 3 Pfund Schwarzbrot 10 Kreuzer, 1 Pfund Ochsenfleisch 10, 1 Pfund Butter 24 Kreuzer, der Scheffel Korn 8 Gulden; es ist schrecklich. – Der traurige Krieg macht alles unglücklich, doch wann wir nur gesund bleiben" –, so mag manche heutige Mutter sich nun nicht mehr genieren, dem Sohn ihrerseits von der "äußersten Sparsamkeit zu berichten, mit der sie dennoch mit dem Einkommen nicht auskommen kann".

1849 schreibt Rudolf Virchow an seinen Vater: "Den Communismus als solchen halte ich für Wahnsinn –" Sogleich fühlen wir uns überraschend angesprochen und wünschen vielleicht den eigenen Kindern ähnliche Erkenntnisse.

Die Mutter Schopenhauers schreibt an ihren Sohn ohne Umschweife: "Ich habe Dir immer gesagt, es wäre sehr schwer, mit Dir zu leben. Dein Mißmut verstimmt meinen heiteren Humor." Das klingt bitter, und ein Blick in einen gereimten Brief Mozarts an seine Mutter tut uns danach wahrhaft wohl: "Wir sind Gott Lob und Dank / Gesund und gar nicht krank / Wir fahren durch die Welt, / Haben aber nit viel Geld."

Von Martin Luthers kernigem und herzlichem Brief an seinen Vater und dem "Testament Karls V. für Philipp II. bis zu den Briefen Walter Rathenaus oder der Eltern Frank Wedekinds an ihren Sohn ist die Fülle der Briefe berühmter Söhne an ihre Eltern und deren Antwort von Paul Elbogen gesichtet und herausgegeben. Allerdings erliegt der Herausgeber der Überfülle des Materials. Wir hätten uns mehr Briefe gewünscht und dementsprechend ein dickeres Buch oder weniger berühmte Schreiber und mehr Briefe. Die in ihrer Kürze das Wesentliche hervorhebenden Biographien von Elbogen beleben den Sammelband und bereichern uns mit vielfacher Kenntnis. – Zu einer "wundersamen Seeleneinsicht", die der Herausgeber darzubieten hofft, kann es leider nicht kommen, denn die Seele braucht Muße für ihre Einsicht, und gerade diese wird durch die Überbelastung mit Beispielen verhindert. Ilse Langner