Von Walter Abendroth

Es gibt hinsichtlich der Zukunftsaussichten der freien Welt und ihrer Bedrohung durch den Bolschewismus ein pessimistisches Argument, das kein verantwortungsbewußter Mensch leichtfertig beiseite zu schieben versuchen sollte. Das Argument nämlich: daß der Kommunismus seinen militanten Schwung aus der vollkommenen Übereinstimmung seines Tuns mit seiner Ideologie schöpfte, während von den überalterten westlichen Hochkulturen ein gleiches nicht mehr behauptet werden könne. Anlaß zu besonderer Skepsis gibt in diesem Zusammenhange immer wieder das Christentum, von dem gesagt wird, seinen Idealen und Dogmen entspreche keinerlei Realität des Handelns und sich Verhaltens mehr bei denen, die soviel Geschrei darum machen, daß es verteidigt werden müsse. Betrachtet man die gespaltene Welt so, wie sie sich dem oberflächlich hinschauenden Auge von außen darzubieten scheint, als territorial säuberlich getrennt nach idealistischen und materialistischen, religiösen und nihilistischen, moralischen und zynischen Grundsätzen und statuiert danach eine allgemeine Abgestorbenheit des Christentums, dann scheint diese pessimistische Ansicht zweifellos zuzutreffen. Tiefer und weiter gesehen indessen läßt sie einen wesentlichen Sachverhalt außer Betracht und dokumentiert allerdings schon dadurch ihre Ferne vom christlichen Denken. Denn: das Wort Christi über sein Reich, das nicht von dieser Welt sei, müßte jeden, der es ganz ernst auffaßt, vermuten lassen, daß die höchste Verwirklichung christlichen Lebens vielleicht sich gerade dort vollziehen kann, wo seine äußeren Zeichen gar keine Macht mehr haben, wo es "dieser Welt" gar nichts mehr ist und bedeutet als ein bloßes Ärgernis, einen Gegenstand tödlichen Hasses und vernichtender Verfolgung.

Weil diese Gedankenrichtung einer echten, inneren Erstarrung unserer Widerstandskräfte gegen das schleichende Gift der heimlichen Bolschewisierung – die viel gefährlicher ist als die offene und gewaltsame – höchst dienlich wäre, ist ein soeben in der Reihe "Abenteuer Christentum" erschienenes Buch so außerordentlich wichtig:

Jean Monsterleet S. J.: "Chinas Märtyrer sprechen", Verlag Herold, Wien und München, 399 Seiten, 11,80 DM.

Dieses Buch nämlich, angefüllt von erschütternden, furchtbaren Tatsachenberichten, bietet zugleich ein Bild derartiger Triumphe christlicher Glaubenstreue und Opferbereitschaft bis in die unsäglichsten Martern und den schimpflichsten Tod, daß man sich als Leser dabei in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung versetzt fühlt, wo ebenfalls millionenfach willig, ja, freudig getragenes Märtyrertum, millionenfache konsequente Nachfolge Christi dem Bekenntnis eine geistige Macht von unermeßlicher Reichweite verlieh. Auch im kommunistischen China sind es nicht etwa wenige einzelne, denen diese Selbstvollendung beschieden war und ist. Auch hier zählen die Auserwählten nach Hunderten, die Berufenen nach Tausenden, die durch ihr Vorbild und Beispiel im Ausharren oder im Widerstand Gestärkten nach Millionen.

Der Autor war früher Professor an der Universität Tsinkou in Tientsin. Er läßt fast ausschließlich dokumentarische Berichte sprechen, Zeugnisse und Selbstzeugnisse hervorragender geistlicher Würdenträger – ausländischer wie chinesischer –, Missionare, Patres, Studenten, Seminaristen. Und er wartet mit statistischen Zahlen auf, die illustrieren, wie die Kirche in China während der Jahrzehnte vor der bolschewistischen Revolution gewachsen war und wie sie seither dezimiert worden, ist bis zur Gefahr der völligen Auflösung aus Mangel an führenden, haltenden, leitenden Kräften. Das alles ist aufregend und ergreifend zu lesen. Ergreifend zumal, da offensichtlich der äußere Zusammenbruch die Dauerhaftigkeit der Glaubenssubstanz bislang nicht hat mindern können und die Schrecken der Verfolgung nur wenigen das moralische Rückgrat brachen, wenn sie auch viele in ein religiöses Katakombendasein trieben. Die zahlreichen, unzweifelhaft authentischen Beispiele bewunderungswürdigen Glaubensheldentums machen das Buch zu einer Erbauungslektüre im Sinne der Heils- und Heiligengeschichte.

Allein, es ist auch ein Warnungsbuch, und als soldies sollte es vor allem die weiteste Verbreitung finden.