Reichen 2000 Mark? – Zum Arzt berufen, aber nicht zum Lehrer – Der Beruf des Lebens

Welchen Berufen streben die Abiturienten von Ostern 1956 zu? Auf diese Frage gibt es eine statistische und eine persönliche Antwort. Ein kleines Land wie der überschaubare Staat Hamburg erscheint für eine solche Untersuchung besonders geeignet. Unser Redaktionsmitglied R. W. Leonhardt hat sich daher einmal daran gemacht, die Berufswünsche der 1370 Hamburger Abiturienten statistisch aufzubereiten und durch Unterhaltungen mit Arbeitsamt, Universität und vor allem mit einzelnen jungen Menschen zu ergänzen. Hier legen wir das Ergebnis dieser Untersuchung vor.

Das Berufsleben ist ein Kampf, in dem man sich bewährt oder zugrunde geht." Diese metaphorische Beschreibung dessen, was jetzt vor ihnen liegt, fand eigentlich bei den zwölf Abiturientinnen und Abiturienten, die in dem kleinen Raum mit roten Plüschsesseln und einem Blick auf die Alster versammelt waren, ungeteilten Beifall – so verschieden ihre Ansichten und Pläne im einzelnen auch, sein mochten.

"Was glauben Sie wohl, mit welchem monatlichen Einkommen Sie das Leben so führen könnten, wie Sie es sich vorstellen?" Nach einer kurzen Pause rang sich Hans, ein lebhafter junger Mann, dunkelhaarig, schlank, mit ausgezeichneten Manieren, als erster zu einer Antwort durch, die dann aber auch ganz entschieden und bestimmt klang: "Zweitausendfünfhundert bis dreitausend Mark." Hans will Kaufmann werden wie sein Vater. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn er in zehn Jahren genau das, und vielleicht noch ein bißchen mehr verdiente.

Die anderen fanden, Hans habe vielleicht doch etwas hoch gegriffen. Aber nicht so viel zu hoch. Daß es Leute gibt, die mit vierhundertfünfzig Mark im Monat ganz zufrieden sind, wollten sie nicht recht glauben. "So viel habe ich ja schon als Oberschüler in den Ferien verdient, mit körperlicher Arbeit", sagte Heinz. Und andere bestätigten das.

Familien sorgen schon einkalkuliert

Auch die jungen Damen. "Wenn ich allein wäre, dann wollte ich mit vierhundert Mark schon auskommen", erklärte Katharina. Die blonde Anke zu ihrer Linken und die dunkle Gabriele verpflichteten sich zur gleichen spartanischen Enthaltsamkeit – falls sie allein blieben. Dazu wird es aber sicher nicht kommen. Am Ende "einigten wir uns" auf etwa achtzehnhundert Mark als anzustrebendes Monatseinkommen für eine Familie. Möge der Bundesrepublik die Konjunktur erhalten bleiben. Der Verdacht liegt nahe, daß der währungsreformierte Materialismus auch die deutsche Elite von morgen schon wirtschaftswunderlich gemacht hat. Lehrer und Berufsberater bestreiten das und sprechen von hohem Idealismus und Berufen-Sein. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, nicht an den interessanten Extremen, sondern irgendwo in der Mitte: Das ist langweilig – und gesund. Echte Berufungs-Berufe bleiben von Konjunktur- und Modeschwankungen fast gänzlich unberührt. Seit sieben Jahren ist es in der Freien Hansestadt Hamburg so, daß von hundert Abiturienten etwa drei Theologen werden wollen; drei wollen eine Kunsthochschule besuchen, und acht nehmen sich vor, Medizin zu studieren. Vor wenigen Jahren noch fürchtete man, Medizin könne zu einem "Mode-Studium" werden. Demgegenüber ist es überraschend und beruhigend, daß die Zahl derjenigen, die Arzt werden wollen, von Verlockungen oder Befürchtungen so wenig berührt wird. Diese toten Zahlen der Statistik gewannen Leben durch die jungen Damen und Herren, die sich da – aus fünf Hamburger Schulen ausgesucht – am Alsterufer versammelt hatten. Jürgen will Arzt werden, weil sein Vater auch Arzt ist. Heinz will Arzt werden, weil sein Vater Lehrer ist und ihm gesagt hat: "Du darfst alles werden, nur nicht Lehrer."