Alfred Hayes neuer Roman

Von Hans Scbwab-Felisch

Je mehr das Schreiben zu einem Handwerk wird, desto dringender erhebt sich die immergültige Frage nach den Grenzen zwischen Meister und Genie. Der Meister erweist sich, nach Goethes Wort, in der Beschränkung; das Genie wird ihrer spotten, ehe es – vielleicht – in seiner Vollendung zu ihr zurückfindet. Jeder kennt literarische Geniestreiche, die dennoch keine Meisterwerke sind, meist weil in ihnen schon gar keine Spur von Beschränkung zu finden ist. Und es gibt meisterhafte Bücher, die dennoch himmelweit vom Genialen entfernt bleiben. Heute wird in zunehmendem Maße eine in sich perfekte Literatur hergestellt, vor der man zwar bewundernd stehen darf, sich aber nicht zu falschen Schlüssen hinreißen lassen sollte. Ihre Autoren sind Handwerker im besten Sinne des Wortes, Kunsthandwerker, des höchsten Respekts würdig. Vor allem in Deutschland, wo man so gern und leichtfertig die problematische Kategorie des Dichterischen hochnäsig ausspielt, sollten sie vor unadäquaten Vergleichen in Schutz genommen Verden. Aber dennoch: diese Autoren schaffen keine Welt, sie bilden sie nach. Perfekt, beklemmend, bis in die kleinsten Verästelungen hinein. Aber sie bilden nach. Da liegt ihre Chance, ihr Vermögen, ihre Funktion. Dort aber auch liegt ihre Beschränkung.

Ein charakteristisches Beispiel für diese Art Literatur ist das neue Buch von

Alfred Hayes: "Liebe lud mich ein...", Roman, aus dem Amerikanischen von Carl Bach, Rowohlt Verlag, Hamburg, 131 S., 7,80 DM.

Der Autor ist nicht zu verwechseln mit Adolph Hayes ("An einem Tag wie jeder andere"), er ist anderen Kalibers. Hayes hat sich ein großes Thema erwählt, die Liebe. Und zwei Umstände denen darauf hin, daß ihm mehr vorgeschwebt hat, als nur ein perfektes, sondern ein über Anlaß, Umstand und Zeit hinaus gültiges Buch. Erstens das Motto, ein schöner Vers aus dem 16. Jahrhundert: "Liebe lud mich ein, doch zögerte das Herz, / Bedrückt von Schuld und Staub. / Geschwinden Aiges sah sie mein Erschlaffen / Schon mit dem ersten Schritt / Und trat in holdem Sorgen auf mich zu, / Ob mir’s an etwas fehle." Dann aber die Namenlosigkeit der beiden Liebenden; das Paar geht nur als "er" und "sie" durch das Buch; anonym, abwohl minutiös soziologisch, charakterlich und von der Umgebung her, der Großstadt, fixiert. Aber mit der Anonymität ist gleichzeitig der Ansprach auf Überzeitlichkeit und Überörtlichkeit wiederholt, der im Motto bereits anklingt. Hier liegt der Bruch in diesem Buch. Denn was hier geschildert wird, ist eine typische "Liebe" unserer Zeit – geschildert mit den gewiß guten, aber typischen Mitteln eines unsentimentalen, meisterlichen Schriftstellers unserer Zeit.

Hayes führt uns in eine beliebige Bar. Ein Mann sitzt am Ausschank, "fast vierzig Jahre alt", mit einem ganz guten Ruf und etwas Geld auf der Bank. Ein Mann, der in einer guten Gegend wohnt, telephonisch leicht erreichbar ist und nicht alltäglich aussieht, also: ein alltäglicher Mann. Seine "Hand hier auf dem Tisch ist wirklich, wie überhaupt alles an mir wirklich zu sein scheint, wenn man nicht zu genau hinschaut". Der Mann findet es merkwürdig, wie gut er schläft, wie gesund sein Appetit ist, obwohl er ständig müde ist. Und er hat "unerklärliche Schmerzen im Rücken, hier, wo die Muskeln auf mysteriöse Weise miteinander ver-