Als 1954 der dreiundsiebzigjährige Heinz Tietjen die Intendanz der Westberliner Oper aufgab, trat er wohl formell "in den Ruhestand", blieb aber unvermindert aktiv als Gastregisseur an der Mailänder Scala und anderen großen Bühnen. Immerhin – daß er so bald wieder Hausherr eines Operntheaters werden würde, hatte er selbst wohl am wenigsten erwartet, und auch in Hamburg ergab seine Berufung einen gewissen Überraschungseffekt. Man wußte hier zwar ganz gut über das Dilemma Bescheid, mit dem Aufsichtsrat und Kulturbehörde fertig zu werden hatten: Günther Rennerts allseitig verstandener Wunsch nach einer zweijährigen Entlastung von den Intendanzgeschäften machte eine Interimslösung notwendig, die deswegen so schwer zu finden war, weil man einerseits einen Opernleiter von Ruf und Autorität brauchte, andererseits aber auch Rennert die Stelle, an der er so Ruhmvolles geleistet hat, offenhalten wollte. Aber daß und wie es gelingen würde, diese Quadratur des Kreises tatsächlich zu lösen, davon hatten selbst die, die immer das Gras wachsen hören, keine Vorstellung.

Denn ganz im stillen begab sich während der letzten Wochen die Geschichte, deren Happy-End nun herbeigeführt ist. Sie verlief so: Dr. Biermann-Ratjen, der Hamburger Kultursenator, fuhr nach Baden-Baden, dem Buen Retiro Heinz Tietjens – gewiß nicht in der sicheren Erwartung, es werde ihm gelingen, Cincinnatus vom Pfluge weg wieder in ein hohes Amt zu locken, aber doch wohl mit einer leisen Hoffnung solcher Art. Er bat Tietjen um ein Gutachten über den Zustand der Hamburger Oper. Tietjen nun stellte sich dem Senator zunächst nur als Sachverständiger zur Verfügung. Er forderte Einsicht in die Etatabrechnungen und die Personallisten, kurz in alle Unterlagen, die nötig sind, um festzustellen, ob der Betrieb eines Theaters gesund ist. Der Senator hatte Vollmacht, Tietjen dies zu bewilligen, und bat ihn beim Abschied in Baden-Baden nur noch, sich nach Prüfung der Sachlage zu äußern, ob er Lust habe, auch über das Gutachten hinaus der Staatsoper zur Verfügung zu stehen.

Tietjen also kam (nach Hamburg), sah und stellte fest, daß der Betrieb gesund sei – so gesund und zukunftsreich, daß er nicht übel Lust habe, in die Bresche zu springen, als regulärer Opernleiter mit allen Kompetenzen eines solchen, weiterbauend auf dem von Rennert Entwickelten, mit unzweideutig bekundeter Hochachtung vor dem Künstler und Intendanten, der sein Vorgänger ist, und, darüber sind alle Beteiligten miteinander einverstanden, auch eines Tages wieder sein Nachfolger werden wird. Wie hätte der Aufsichtsrat da nicht zugreifen sollen?

Das Einverständnis dokumentiert sich deutlich in einer bezeichnenden Einzelheit: Wagners "Ring", das große Vorhaben im neuen Hamburger Haus, wird nicht Tietjen, der weltberühmte "Ring"-Regisseur, inszenieren, sondern Rennert. Wie denn Tietjen überhaupt nicht nur keinen Oberregisseur berufen wird – "Es gibt", erläuterte er der Presse, "außer dem in Wien-gebundenen Josef Gielen heute keinen Opernregisseur, den man Rennert gleichstellen dürfte" –, sondern auch selbst nicht Regie führen, sondern nur als "Fachintendant" amtieren will. Auch damit bezeugt er, daß es ihm darauf ankommt, die Kontinuität zu wahren. Nicht aus Taktik, sondern aus der Überzeugung einer über fünfzigjährigen Praxis, die allezeit und unmißverständlich dem Modernen ebenso aufgeschlossen gewesen ist wie dem Klassischen. C. E. L.