In kaum einer Stadt Europas war der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien": die Sentenz Stefan Zweigs aus der "Welt von Gestern" könnte als Motto über dem neuen Roman von Franz Zöchbauer stehen:

Franz Zöchbauer: "Der Traum von Gestern." Roman. Kösel-Verlag. Bücherei der Neunzehn Nr. 18, 398 Seiten, 6,80 DM,

der über das Leben eines Knaben im Wien der Kriegs- und Nachkriegszeit berichtet.

Schon die ungenaue Datierung der Handlung, die sich nur aus der Auseinandersetzung des Helden mit gewissen historischen Phänomenen, wie Krieg, Zusammenbruch der Donaumonarchie, Entstehung der Jugendbewegung, erschließen läßt, sondert den Roman aus der Menge brutal-naturgetreuer Darstellungen realistischer Konflikte und handfester Geschehnisse, wie sie die Gegenwartsliteratur durchweg bevorzugt, aus und stellt ihn in die Tradition des klassischen Bildungs- und Entwicklungsromans, der sich für historische Phänomene und außerhalb einer normativen allgemein-menschlichen Einflußsphäre liegende Vorkommnisse stets nur insoweit interessiert, als sie für die geistige Entwicklung des Helden von tieferer Bedeutung sind.

Im Sinne seiner literarischen Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert beschreibt Zöchbauer den Bildungsgang eines einzelnen; doch unterliegt es keinem Zweifel, daß er, bei aller Betonung des Individuellen, von der Vorstellung eines allgemein verglichen geistigen Lebensraums und der Anerkenntnis bestimmter, gleichsam zeitloser Grundweisen menschlichen Verhaltens ausgeht und damit, über die Tradition des 19. Jahrhunderts hinaus, auf jene Idealvorstellungen zurückgreift, die bei der Entstehung des deutschen Entwicklungsromans in der Weimarer Zeit Pate standen. Daß gerade ein Wiener, ohne fadem Epigonentum zu verfallen, die (anscheinend mit Carossa abgerissene) Tradition des europäischen Bildungsromans fortsetzt, erscheint bei dem genuinen Verhältnis, das der Österreicher – man denke an Musil und Hofmannsthal – zur Überlieferung hat, nicht zufällig; und wo wurde je der Versuch, ein radikal geistiges Leben auszubilden, mit soviel Konsequenz und Charme unternommen wie gerade in Wien im ersten Viertel unseres Jahrhunderts?

Der hieraus resultierende Glaube an ein verbindliches menschliches Gesetz erlaubt es Zöchbauer, seinen Helden eine Entwicklung durchleben zu lassen, deren einzelne Phasen sich am Ende, trotz aller momentanen Wirrnisse, als Abschnitte eines geordneten Ganzen enthüllen. Dennoch – und hierin sehe ich die Bedeutung des Buches – redet der Verfasser keineswegs einem zeitfernen Optimismus das Wort; vielmehr entwickelt sich der Glaube an Ordnung, Sinn und Entelechie gerade in einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit konkretem Ereignis und historischem Bezug; und da sich die philosophische Grundeinstellung des Autors mit einer starken, oft höchst überraschenden Vorliebe für die "Realien" und mannigfaltigen Kenntnisse, vor allem auf dem Gebiet der Folklore, verbindet, gelingen Zöchbauer mit Hilfe einer sehr noblen, niemals aufdringlichen Sprache immer wieder Detailschilderungen von soviel Anschaulichkeit und gedanklichem Reichtum, daß dieser klassischen Vorbildern folgende Entwicklungsroman sich am Ende als beachtenswerter Beitrag zur Analyse unserer Gegenwart enthüllt: sehr viel aufschlußreicher und bemerkenswerter als so manche kraß realistischen, stark erotisch gefärbten Darstellungen, die "auf den Geist pfeifen" und sich, statt Entwicklung zu schildern, in der Aufzählung vordergründiger Ereignisse erschöpfen. Walter Jens