Vor einigen Jahren erschien in Frankreich ein Buch unter dem Titel "Wenn Hitler gewonnen hätte". Der Autor schildert eine Nachkriegswelt, die sich von der tatsächlichen im Grunde nur dadurch unterscheidet, daß nicht Stalin, sondern Hitler den Krieg gewonnen hat. Führen wir diesen Gedanken weiter bis zum Tode jenes siegreichen Hitler, so erleichtert uns dieses Verfahren vielleicht das Verständnis für das, was sich heute, drei Jahre nach Stalins Tod, in Moskau abspielt. Auch nach Hitlers Tod wäre die Frage akut geworden, ob man an der Legende des "größten Feldherrn aller Zeiten", des "genialsten Staatsmanns, Denkers...", festhalten solle oder nicht.

Genau wie im Falle Stalins wäre die Legende einerseits nützlich gewesen und andererseits schädlich. Nützlich als Stütze für den Machtanspruch der Hitler-Erben und ihrer Vasallen in den von Hitler eroberten Ländern, und schädlich, weil sie die Beziehungen zu allen nicht Hitler-begeisterten Deutschen und zum Hitler-feindlichen Ausland belastet hätte. Heß, der "Kronprinz", hätte sich mit Goebbels und Göring in die Macht teilen müssen. Rundstedt, Rommel und die anderen Generäle hätten auf Anerkennung ihres eigenen Anteils an der Ehre des Sieges über Stalin gepocht und auch auf die Rehabilitierung Schleichers und der von Hitler liquidierten Offiziere. Eine breite Schicht nicht vom Hitlerwahn ergriffener Deutscher hätte die Abschaffung des Terrors und des Führerkults verlangt und schließlich hätten die Hitler-Erben selbst aus Lust an der Macht und Angst um ihr Leben eine neue Ein-Mann-Diktatur zu verhindern getrachtet.

Diesen Vorteilen hätten handfeste Nachteile entgegengestanden: Prestigeverlust für "die ganze Richtung" und für diejenigen Erben, die dem Despoten am längsten und treuesten gedient hatten. Genau das ist die heutige Situation im Kreml.

Auch Stalins Erben waren gezwungen, eine Bilanz zu ziehen und dabei kamen sie offenbar zu dem Schluß, daß die Vorteile eines Verzichts auf den Stalin-Kult die Nachteile überwiegen. Man kann natürlich fragen, ob es nicht genügt hätte, Stalin aus den Höhen seines Halbgott-Himmels in die Galerie "um Rußland verdienter Männer" zu versetzen. Man kann ferner fragen, warum Stalins Sündenregister erst jetzt und auf so eigentümliche, halb verschwörerische Weise bekanntgegeben wurde. Weder die TASS-Agentur noch die Prawda oder Iswestija haben von Chruschtschows Philippika gegen Stalin, die die ganze kommunistische Welt in Aufregung versetzt hat, bisher ein Wort zur Notiz genommen. Es ist aber gut möglich, daß der Beschluß, dem russischen Volk und der Welt das wahre Gesicht Stalins zu zeigen, schon gleich nach dem Tode des Diktators gefaßt wurde und daß man nur auf einen Augenblick wartete, in dem sich die Operation ohne allzu schwere Folgen für den Patienten vollziehen ließ. Es mußte wohl einige Zeit verstreichen, damit so treue Diener Stalins, wie Chruschtschow, Bulganin und Malenkow, Stalin eine Grube graben konnten, ohne selbst hineinzufallen.

Sicher war es auch heute noch nicht einfach, den Genossen klarzumachen, warum sie den bösen Drachen Stalin, der darauf und daran war, Rußland ins Verderben zu führen, nicht töteten. "Rangunterschiede" des Widerstandes gegen Stalin mußten erst vereinbart werden. So erscheint Malenkow, dem Chruschtschow, als einzigem der Führergarde nicht bescheinigte, daß Stalin ihm nach dem Leben trachtete, "belasteter" als beispielsweise die Militärs. Deren Beziehungen zu Stalin waren tatsächlich nie sehr innig, und es ist bezeichnend, daß unter den von Chruschtschow aufgezählten Schandtaten Stalins, die Sünden gegen die Armee einen so breiten Raum einnehmen.

Man darf hieraus aber nicht vorschnell schließen, die Abwertung Stalins sei ein "Sieg der Armee über die Partei"; denn erstens gibt es keine Beweise für irgendwelche politischen Ambitionen der Generäle und zweitens befinden sich sicher auch in der Partei viele überzeugte Anti-Stalinisten. Dennoch ist der Einfluß der Armee heute sicher stärker als früher. Die "allwissende Partei" und die "unüberwindliche Rote Armee" sind von jetzt ab gleichberechtigte Partner. Unter Stalin waren sie das nicht.

Was das Regime? durch die Preisgabe des Stalin-Mythos verlor, hat es durch ein Näherrücken von Partei und Armee und vielleicht auch von Partei und Volk gewonnen. Ein Prawda-Artikel vom 19. März enthielt folgenden eigentümlichen Satz: "Nach der Überwindung des dem Leninismus fremden Persönlichkeitkults, festigen sich nun die Beziehungen zwischen der Partei und den Werktätigen von Tag zu Tag... Es kann kein Zweifel bestehen, daß eben diese Beziehungen und Bindungen vorzügliche Resultate in der Volkswirtschaft zeitigen werden." Wieso bedürfen die Beziehungen zwischen Partei und Werktätigen nach fast vierzig Jahren Diktatur des Proletariats immer noch der Festigung? Ist die Partei denn ein Fremdkörper im Volk oder wurde sie es, weil sie sich zum Werkzeug der despotischen Launen Stalins erniedrigen ließ? War das, was Chruschtschow den Delegierten von seinen Tanzen und Purzelbäumen, von seiner Unterwerfung unter den Willen eines Wahnsinnigen erzählte, vielleicht die Generalbeichte der Partei vor dem Volke? Überzeugender wäre diese Beichte allerdings, wenn ihr Stil nicht so stalinistisch wäre. Sie erweckt peinliche Erinnerungen an die "Geständnisse der großen Schauprozesse" und an die "einstimmigen Beschlüsse" des von Stalin demoralisierten Politbüros. Es mag paradox klingen, aber die Abkehr von Stalin wäre wesentlich überzeugender, wenn auf der berühmten Geheimsitzung vom 24. Februar einige Delegierte für Stalin gesprochen hätten.