Liebliche Hügel und Täler füllen die Kinolenwand; hier murmelt ein Bächlein, dort streicht ein sanfter, mitteldeutscher Wind über die Baumwipfel. Dazu der Sprecher: "So schön ist unsere Heimat..." Harmonie und Friede liegen über dem Bild. Doch was ist das? Welch anderer Ton, welch anderes Bild! Zackigen Marschtritts, den Karabiner fest geschultert, rückt eine Schar überaus entschlossen dreinblickender Kriegsleute heran. Wollen die etwa..? Behüte, nein, sie wollen den Frieden nicht stören. Nur die Heimat, so erfahren wir vom Sprecher, diese schöne Heimat wollen die Genossen Volkspolizisten schützen vor den Kriegstreibern und Imperalisten.

Das ist die Anfangsszene aus "Wir tragen die Gewehre", einem Propagandakurzfilm, den Pankow herstellen ließ, um Nachwuchs für die Volkspolizei zu finden. Inwieweit dieser Streifen, der vor allem an die jugendliche Abenteuerlust appelliert (leuchtpistolen-und spürhundbewehrte Vopos jagen nachts westliche Agenten und Saboteure), seinen Zweck erfüllt hat, wissen wir nicht.

Gegenwärtig jedenfalls findet er ein Publikum, für das er nicht gemacht wurde. Der Film gelangte nämlich mittlerweile über jene Grenze, deren Schurz seinen Herstellern so sehr am Herzen liegt. Er wird jetzt zusammen mit drei ähnlichen Filmen auf der vom Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen veranstalteten Ausstellung "Die Aufrüstung n der Sowjetzone" vorgeführt. Sie reist in der Bundesrepublik von Stadt zu Stadt und geht jeden an.

Wer die politische Wirklichkeit in der Zone nur aus Berichten kennt – und das ist bei uns die weit überwiegende Mehrzahl –, der gewinnt aus diesen dokumentarischen Bildern eine eindrucksvolle Anschauung, die ihm – besser als Worte es können – hilft, die Praxis des östlichen Regimes und die Menschen, die unter diesem Regime leben, zu verstehen.

Da ist vor allem jener optische Bericht vom 4. Jugendparlament der FDJ in Leipzig 1952. Welch Meisterstück der Massenbeeinflussung, welch perfektioniertes, haarscharf durchkalkuliertes Arrangement: im Saal Tausende von FD Jlern und Jungen Pionieren, auf der Bühne die Funktionäre und eine Abordnung der Volkspolizei, Spruchbänder und viele Fahnen. Ein Redner nach dem anderen betritt das Podium: glühende, fanatische Bekenntnisse, Grüße aus Rußland, China, Nordkorea: ... Dazwischen rhythmisches Händeklatschen, Gesang. Man sieht förmlich, wie der kollektive Rausch um sich greift, wie das Gefühl einer "allumfassenden Gemeinsamkeit" aufbricht, der Zugehörigkeit zur großen "sozialistischen Völkerfamilie".

Mancher Zuschauer wird sagen: "Älter Rummel, wie gehabt!" Sicherlich, gehabt haben wir ihn schon einmal, diesen diabolischen Rummel. Aber ist die Jugend heute dagegen gefeit? Im Film ist zu sehen, wie ein etwa siebenjähriges Mädchen voller Inbrunst die Fahne küßt, wie ein Volkspolizist einem FDJ-Funktionär unter dem dröhnenden Beifall Tausender symbolisch ein Gewehr übergibt, und wie Vierzehnjährige bei der Schulentlassung vor der Prüfungskommission stehen und ihre politischen Kenntnisse aufsagen, die ihnen lange Jahre hindurch eingedrillt worden sind. Hans Gresmann