Paris, Ende März

Es gibt nichts Bezeichnenderes für die gegenwärtige politische Lage Frankreichs als die erstaunlichen (und soviel Gegensätze umspannenden) Mehrheiten, welche die Regierung Mollet für alle ihre Anliegen in der Kammer erhält. Dabei handelt es sich um eine Minderheitsregierung, die durch ihr Zurückweichen vor randalierenden Jugendlichen in den Straßen von Algier den schlimmsten Prestigeverlust einstecken mußte, den die Staatsgewalt seit Kriegsende aufzuweisen hat.

Wieso hat sich denn eigentlich eine sozialistische Regierung zu einer Algerien-Politik nötigen lassen, die genau das Gegenteil dessen darstellt, was man um die Jahreswende im Wahlkampf gefordert hatte? Wieso führt eine Partei, die doch durch ihr jahrelanges Verharren in der Opposition erfreulich unbelastet war, in den algerischen Departementen haargenau die Politik der Rechtsparteien weiter.

Alles Rätseln um diese seltsamen Dinge führt auf den gleichen Punkt zurück. Es besteht zur Zeit in der französischen Politik eine seltene Einheitlichkeit der Stimmung, der sich auch eine sozialistische Regierung nicht entziehen kann – und die es notabene der Rechten erspart, diese Regierung, in der sie nicht vertreten ist, zu stürzen. Diese Einheitsstimmung hat den als "Geisel" noch in der Regierung sitzenden Mendès-France zum Schweigen genötigt, und sie hat jenen den mendèsistischen Lösungen zuneigenden Flügel der sozialistischen Partei um Defferre völlig in die Defensive gedrängt. Algerien-Minister Lacoste ist der Mann der Stunde. Er ist die Verkörperung jenes "Nationalismus des kleinen Mannes", der stets innerhalb der sozialistischen Partei vorhanden war. Ähnlich seinem Parteigenossen Naegelen, der einer seiner Vorgänger als Statthalter in Algerien gewesen war, konnte er mit seinem Beharren auf dem patriarchalischen Herr-im-Hause-Standpunkt eine nationale Einheitsfront hinter sich bringen.

Es wäre falsch, diese Einheitsstimmung nur unter dem Blickwinkel des neu aufschließenden Rechtsextremismus zu sehen. Gewiß wachsen Organisationen dieser Färbung überall wie Pilze aus dem Boden. Es werden neue Zeitschriften gegründet und "Retter des Vaterlandes" melden sich in Scharen. So reist Lacostes abgesetzter Vorgänger Soustelle als Wanderprediger gegen den "Ausverkauf des Empire" durchs Land und läßt von seiner Hörerschaft seinen früheren Chef de Gaulle auspfeifen, der ja in Kolonialangelegenheiten von erstaunlicher Vernünftigkeit ist.

Einigkeit im Negativen

Nein, der Sog, der die gegenwärtige französische Politik beherrscht, hat eine breitere Basis. Er zeigt wieder einmal, wie sehr das französische Volk in seiner Mehrheit – gegen alle jakobinische Rhetorik – "rechts" steht. "Rechts" in dem besonderen Sinne, wie er der französischen Rechten eigen ist: als eigensinniges Beharren auf den einmal "erworbenen Positionen", als rechthaberische Weigerung, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Jener sursaut, jenes "unvermutete Aufschwingen" der öffentlichen Meinung, auf das die Erneuerer von de Gaulle über Pinay bis zu Mendès vergeblich gewartet haben, scheint sich nun also wenigstens im Negativen einstellen zu wollen. Nämlich als Nichtakzeptieren einer Entwicklung, die nüchternen Beobachtern unausweichlich zu sein scheint. Und daß in dieser Halsstarrigkeit ein Element der Resignation steckt, des Nichtglaubens an den eigenen Weg, gibt ihr sogar einen Anflug tragischer Größe.