Noch im vergangen Sommer sprach man ernsthaft davon, daß das Ende des Jahres die 5prozentige Obligation bringen werde. Dieser Optimismus wurde damals durch die Tatsache gestützt, daß 5 1/2prozentige Pfandbriefe von einer Reihe von Realkreditinstituten ausgegeben und ohne Schwierigkeiten verkauft wurden. Die öffentliche Hand glaubte daraufhin, daß die Zeit für größere öffentliche Anleihen, wie die der Bundespost, der Lastenausgleichsbank und der Gebietskörperschaft Berlin (um nur die wichtigsten zu nennen) gekommen sei. Die Anleihen wurden also aufgelegt. Aber noch bevor die Banken die von ihnen übernommenen Weite endgültig bei Kapitalsammelstellen und sonstigen Wertpapierreflektanten unterbringen konnten, hatte sich die Situation grundlegend gewandelt. Die Nachfrage zum Emissionskurs von 98 v. H. war sehr gering, so daß sich diese Emissionen, die in ihren Gesamtbetrag rund 450 Mill. DM ausmachen, noch heute zum größten Teil im Bankenbesitz befinden dürften. Bei dem allgemeinen Druck auf den Reitenmarkt hat man bis jetzt nicht den Mut gefunden, diese Werte an der Börse einzuführen, weil es offensichtlich ist, daß sich zum Emissionskurs von 98 v. H. keine Käufer finden würden, solange 5prozentige steuerfreie Papiere in beliebiger Menge und 6prozentige tarifbesteuerte Pfandbriefe für nicht sehr viel mehr Geld zu bekommen sind.

Nun kann man allerdings nicht ewig öffentliche Anleihen von der Börse ausschließen, zumal es ja auch nicht die Aufgabe der Emissionsbanken ist, die entsprechenden Werte für immer im eigenen Besitz zu behalten. Man muß also zu Entschlüssen kommen. Dem Vernehmen nach hat denn auch der Zentralbankrat bei seinen letzten Besprechungen mit den zuständigen Ressortministern des Bundes die Auffassung vertreten, es sei richtig, aus der gegebenen Lage die notwendigen Folgerungen zu ziehen und die Papiere zu einem Kurs einzuführen, bei dem eine Kurspflege möglich ist, ohne daß allzu große Beträge auf die Anleiheschuldner zurückkommen. In diesem Zusammenhang wird von einem Taxkurs von etwa 92 v. H. gesprochen. Nun muß man wissen, daß die Realkreditinstitute ihre 5prozentigen Hypothekenpfandbriefe etwa auf dem Emissionskurs oder nur etwas weniger halten. Es entspricht dies ihren Vorstellungen von einer guten Marktpflege, die wiederum eine günstige Placierung der Stücke voraussetzt. Diese befinden sich zu einem guten Teil bei Kapitalsammelstellen, vor allem bei Landesversicherungsanstalten, die nicht daran interessiert sind, diese Papiere bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in höher verzinsliche Werte umzutauschen; denn sie wissen, daß sie damit die Emissionsinstitute in eine üble Verlegenheit bringen würden, die ja schließlich nicht wesentliche Teile der Emissionen zurücknehmen können, während auf der anderen Seite die mit den Anleiheerlösen begebenen billigen Hypotheken aufrechterhalten werden müssen. Andererseits ist es aber auch problematisch, im gleichen Kurszettel 5 1/2prozentige Kommunalanleihen und Hypothekenpfandbriefe zu 96 bis 97 v. H. erscheinen zu lassen, während die gleich verzinslichen Staatsanleihen zu 92 v. H. notiert werden. Deutlicher ließe sich ja wohl kaum die moralische Entwertung von öffentlichen Anleihen dokumentieren. Den Konsortialbanken kann man nicht zumuten, daß sie den Verlust tragen, was der Fall wäre, wenn die 5 1/2prozentigen öffentlichen Anleihen zum Taxkurs an der Börse eingeführt werden sollten. Sie würden aus solchen Verlusten mit Bestimmtheit die richtige Folgerung ziehen und für die Zukunft dem Staat nicht mehr ihre Dienste bei der Unterbringung von Emissionen zur Verfügung stellen.

Das wird man sich im Bundesfinanzministerium sehr wohl überlegen müssen. Nichts aber wäre bedenklicher, als wenn dort (wie dies vor kurzem Herr Abs von der Süddeutschen Bank ausführte) die Auffassung aufkäme: "was gebe ich für meinen dummen Kredit". Es ist ja nun leider einmal so, daß der, dessen Kassen überfließen, von der Kreditpflege nicht so viel hält, wie der arme Schuldner, der auf seine Gläubiger angewiesen ist. Das Blatt kann sich aber, wie die letzten Monate zur Genüge gezeigt haben, sehr schnell wenden. Vom Standpunkt des Fiskus aus gesehen, wäre es deshalb doch schon richtiger, er hielte sich an das Beispiel der Hypothekenbanken und führte die neuen Stücke etwa zum Emissionskurs ein, was natürlich nur dann einen Sinn hat, wenn zu diesem Kurs auch eine wirkliche Marktpflege betrieben werden würde, mit anderen Worten, wenn der Bund jeden Betrag, der ihm zu diesem Kurs angeboten wird, zurücknimmt.

Natürlich kamen dann die Emissionen nahezu restlos auf die Schuldner zurück. Wäre das aber wirklich so schlimm? Hat der Bund selbst nicht genügend Mittel für eine solche Kapitalmarktpolitik? Sie würde es ihm möglich machen, zu einem späteren, Zeitpunkt, wenn seine Kassenreserven erschöpft sind, an den Kapitalmarkt erneut heranzutreten. Für die Hypothekenbanken wäre allerdings auch dies möglicherweise nicht sehr angenehm, weil eine solche Finanzoperation naturgemäß auch in ihre Bereiche ausstrahlen müßte. Deshalb haben sie ein gewisses Anrecht darauf, gehört zu werden, bevor definitive Beschlüsse gefaßt werden. Man wird prüfen müssen, ob nicht andere Wege möglich sind. Solange sich der größte Teil dieser drei Staatsanleihen in Händen der Konsortialbanken befindet, stehen auch andere Möglichkeiten offen, die die Börse nicht direkt berühren. Einfach jedoch liegen die Dinge gewiß nicht. Das aber ist schließlich immer der Fall, wenn man sich bei der Beurteilung einer Entwicklung so stark geirrt hat, wie dies noch im vergangenen Sommer der Fall war. Rlb.