Dd., Wiesbaden

Am Montag, dem 12. März, Punkt 9.50 Uhr, hielt in der Friedrichstraße, einer der Hauptgeschäftsstraßen der hessischen Landeshauptstadt, ein Personenwagen. Ihm entstiegen zwei junge Männer, legten ihre Gewehre in Richtung auf einen Hausgiebel an und versuchten, ihr geschultes Auge über Kimme und Korn mit je einer Taube auf dem Dach in eine gerade Linie zu bringen. Während bereits mehrere Passanten eine drohende Haltung einnahmen und der Reporter des "Wiesbadener Kurier" Block und Bleistift zückte, öffnete sich ein Fenster unmittelbar unter den Tauben und ein Mann lehnte sich heraus, um nach der Ursache der Menschenansammlung zu sehen. Daraufhin setzten die Schützen ihre Gewehre ab, bestiegen ihren Wagen und fuhren weiter. Die beiden Tauben saßen noch immer auf dem Dache.

Das war der Höhepunkt des "Taubenkrieges", der mehrere Wochen lang die Spalten der Wiesbadener Tageszeitungen füllte und in der vergangenen Woche mit einem eindeutigen Sieg der Tauben und einer Niederlage des städtischen "Amtes für Landwirtschaft und Forsten endete.

Nun ist zwar das Problem der Wiesbadener Tauben schon viele Jahre alt, aber noch niemals ist die Sache von der land- und forstwirtschaftlichen Seite betrachtet worden. Es gibt zwar in Hessen ebenso wie in anderen Bundesländern eine Polizeiverordnung, die es den Taubenhaltern auferlegt, ihre gefiederten Freunde während der Frühjahrsaussaat tunlichst vom Betreten landwirtschaftlich genutzter Grundstücke abzuhalten. Aber die Wiesbadener Tauben haben es erstens gar nicht nötig, sich ihre Nahrung mühselig auf frisch besäten Feldern zusammenzusuchen, sie werden vielmehr von Einheimischen und Fremden ebenso liebevoll umhegt und gefüttert wie ihre Artgenossen auf dem Markusplatz in Venedig. Zweitens haben diese Tauben keinen "Halter", es sei denn die Stadtverwaltung selbst. Damit wäre an sich die Angelegenheit für das "Amt für Landwirtschaft und Forsten" erledigt gewesen, hätte nicht der Magistrat dem Leiter jenes Amtes, Diplom-Landwirt Dr. Rudolf Lang, einen ausdrücklichen Befehl zur Eröffnung der "Taubenverminderungsaktion" gegeben, wie der Krieg gegen die gurrenden Friedenssymbole amtlich benannt wurde. Schon diese schönfärberische Bezeichnung zeugt für das schlechte Gewissen der Stadtväter und ihre sichere, Erwartung, von organisierten und nichtorganisierten Tierfreunden heftig angegriffen zu werden.

In diesem Jahre aber glaubte man im Rathaus, alle Trümpfe in der Hand zu haben, denn Landwirtschaftsreferent Dr. Lang hatte einen ausgezeichneten Schlachtplan entwickelt. Viele Wochen vor der kritischen Brutzeit ließ er neben dem Rathaus große Käfige aufstellen, in die die städtischen Taubenfänger mit List und Tücke eine größere Anzahl Tauben hineinpraktizierten. Schon atmeten die Tierfreunde Wiesbadens auf: man war mit den Tauben glimpflich verfahren, mindestens 99 Prozent hatten die Freiheit gewählt.

Aber das dicke Ende kam nach: wunschgemäß bestätigte das Veterinäruntersuchungsamt in Frankfurt dem Dr. Lang, daß sämtliche eingefangenen Tauben von der auch für Menschen ansteckenden, höchst gefährlichen Papageienkrankheit befallen seien. Siegesbewußt verlautbarte der Magistrat am 28. Februar, "daß zur Abwehr der Gefahren, die der Bevölkerung drohen, die in den letzten Wochen begonnenen Aktionen zur Verringerung der freilebenden Tauben verstärkt werden müssen. Die Bevölkerung wird gebeten, in Anbetracht der Gesundheitsgefahren dafür Verständnis zu haben. Es wird besonders gebeten, jedes Füttern der Tauben zu unterlassen, um das Abfangen der Tiere auf öffentlichen Plätzen zu ermöglichen. Im anderen Falle läßt es sich nicht vermeiden, daß die Tauben abgeschossen werden."

Aber der Tierschutzverein ließ sich durch diesen Aufruf des Magistrats nicht beirren. "Wir sind erstaunt, mit welcher Hartnäckigkeit die Stadtverwaltung eine Ausrottung der Tauben anstrebt", heißt es in einer gemeinsamen Entschließung des Tierschutzvereins, des Vogelschutzbundes und des Bundes gegen Mißbrauch der Tiere vom 2. März. "Zwecks Abwendung einer Seuchengefahr sollte ursprünglich das Einfangen der Tiere mit Gummihandschuhen und Gasmasken erfolgen. Das ist niemals geschehen... Danach könnte der Eindruck entstehen, daß es sich gar nicht um eine intensive Bekämpfung der Papageienkrankheit, sondern lediglich um eine Taubentötung handelt", argwöhnten die drei Verbände. Daraufhin ermittelte eine Wiesbadener Tageszeitung am 12. März, daß Gummihandschuhe und Gasmasken in der Tat nicht notwendig gewesen seien, weil die Papageienkrankheit nur durch den Atem der Tiere übertragen werde. Wie selten jedoch die Bürger Wiesbadens einer Taube wirklich Aug’ in Aug’ gegenüberstehen und sich von ihr anhauchen lassen, bewies die Auskunft der Frau Obermedizinalrätin Dr. Heldmann vom städtischen Gesundheitsamt. Nach ihren Angaben trat die Papageienkrankheit zuletzt im Juli 1955 in fünf verhältnismäßig harmlos verlaufenen Fällen auf; es ist nicht bekannt, ob die Erkrankten selbst Vogelhalter waren oder ob sie sich tatsächlich bei den öffentlichen Tauben infiziert haben.

Wie dem auch sei: die beiden Schüsse, die am 12. März auf der Friedrichstraße nicht fielen, bezeichneten das Ende des Taubenkrieges, der am 21. März "mit Wirkung vom 14. März" offiziell abgesagt wurde. Der Magistrat begründet die Einstellung der Aktionen mit der nun beginnenden Brutzeit. Man will die Nachkommenschaft der papageienkranken "wildlebenden Haustauben" nicht elternlos verhungern lassen. In der letzten Woche, bevor diese Entscheidung bekanntgegeben wurde, hatte sich das Amt für Landwirtschaft und Forsten vor Protestresolutionen, empörten Briefen und anonymen Drohschreiben nicht mehr retten können. Eine Abordnung von Geschäftsleuten hatte am 14. März bei der Kurverwaltung, beim Kur- und Verkehrsverein, beim Verband des Hotel- und Gaststättengewerbes und bei der Generalintendanz des hessischen Staatstheaters vorgesprochen, um diese Stellen für ein gemeinsames Vorgehen zugunsten der Tauben zu gewinnen. Am 16. März verendete der zweieinhalbjährige Rauhhaardackel des Amtsleiters Dr. Lang, trotz sofortiger Behandlung durch einen Tierarzt, unter heftigen Schmerzen. Nach Ansicht Dr. Langs ist er vergiftet worden. Die Wiesbadener Zeitungen berichteten darüber in großer Aufmachung und brachten die Sache mit der Taubenaktion in Verbindung. Wenn dies zuträfe, wäre der Dackel das einzige Opfer des Taubenkrieges.