H. D. Wiesbaden, Ende März

Es gibt keinen Weg nach Canossa", erklärte der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Max Becker, im Rednerschnellbrief der FDP vom 24. März zu den Beschlüssen des Parteivorstandes in Bad Wimpfen, nach denen die Bonner Koalition "durch die Methoden der Koalitionsführung" zerbrochen sei, und zwar – nach Becker – "in einer irreparablen Weise".

Der aus der FDP-Bundestagsfraktion ausgeschiedene Bundesminister Dr. Viktor Preusker, der auf dem außerordentlichen Landesparteitag der hessischen Freien Demokraten am vergangenen Wochenende als Korreferent gegen Dr. Becker auftrat, behauptete das Gegenteil. Nach seiner Darstellung ist Dr. Dehler sogar "bereit, dem Kanzler bis in die Villa in seinem schweizerischen Urlaubsort nachzureisen", um eine Bereinigung der Differenzen herbeizuführen.

Preusker hatte bereits am 19. März in Wiesbaden erklärt, Dehler habe durch einen Bonner Journalisten beim Bundeskanzleramt nachfragen lassen, ob eine persönliche Aussprache mit dem Kanzler zu erreichen sei. Dr. Adenauer habe dem Mittelsmann Dehlers daraufhin drei Bedingungen genannt: Zurücknahme aller in den letzten Monaten von Dehler gegen den Kanzler geäußerten Beleidigungen, Wiederzusammenführung der FDP-Fraktion und Bereinigung der Düsseldorfer Frage im Sinne der Bonner Koalition. Der Bonner Mittelsmann habe die ersten beiden Bedingungen sofort angenommen, diedritte habe er sich eine Frist ausgebeten, zwei Stunden später jedoch erklärt, auch diese Voraussetzung sei erfüllbar. – Der kommissarische Landesvorsitzende der hessischen FDP, Dr. Oswald Kohut, hatte diese Darstellung Preuskers nach Rücksprache mit Dr. Dehler insofern dementiert, als er erklärte, die Initiative sei vom Kanzler ausgegangen. Dazu erklärte jetzt wieder Preusker vor dem Frankfurter Landesparteitag, der Bonner Mittelsmann habe auf jeden Fall erklärt, im Auftrage Dehlers zu handeln. Dieser selbst habe noch nach der Wimpfener Tagung dem von ihm ins Bundeskanzleramt entsandten Journalisten erklärt, er sei notfalls bereit, dem Kanzler in die Schweiz nachzureisen. Diese Mitteilung des Ministers rief bei den hessischen Delegierten der FDP großes Erstaunen hervor.