S. L., Berlin

In der Werner-Seelenbinder-Halle, gleich beim Zentralviehhof von Ostberlin, sitzt unter 2200 Genossen der Funktionär F. aus Leipzig, delegiert zur 3. Parteikonferenz der SED. Mit einem Blick kann er übersehen, was sich verändert hat, seit die 2. Parteikonferenz vor viereinhalb Jahren hier tagte. Das Medaillon der vier Klassikerköpfe der Partei (Marx, Engels, Lenin, Stalin) – insgeheim "die Vierfaltigkeit" genannt – ist von der Stirnwand verschwunden. Stattdessen schmückt das Staatswappen der DDR – Hammer und Zirkel im Ährenkranz – den Saal, und wenn Funktionär F. sich umwendet, kann er an der Rückwand die Großfotos von Ulbricht, Pieck und Grotewohl sehen. Die Werke Stalins liegen indessen, dreizehn Bände, noch im Vorraum zum Verkauf aus.

Eine Begrüßung der Gäste aus einundzwanzig Ländern findet nicht statt. Vielleicht, um das Fehlen einer russischen Delegation nicht zu unterstreichen, das den Funktionär F. sehr in Staunen setzt. Dafür liegt diesmal ein Grußtelegramm von der jugoslawischen Bruderpartei vor, die auf der letzten Parteikonferenz "die verbrecherische Tito-Clique" hieß.

Der Genosse aus Leipzig hat sich die Materalien der letzten Parteikonferenz noch einmal, gründlich angesehen. Damals erklärte Walter Ulbricht: "Von besonderer Bedeutung ist das Studieren der Werke des Genossen Stalin und seiner Biographie im Selbststudium"; und seine Rede endete damals mit dem Ruf: "Lang lebe unser weiser Lehrmeister, der Bannerträger des Friedens und Fortschritts in der ganzen Welt, der große Stalin!" Worauf sich Funktionär F. samt allen Delegierten erhob und mit stürmischem Beifall, Hurra-Rufen und minutenlangen Ovationen dem großen Stalin gehuldigt hatte.

Der Genosse F. gehört zu der Generation, die nach 1945 zur Partei gekommen war, zu jenen jungen Genossen, von denen Ulbricht kürzlich spöttisch meinte, sie wüßten über die Biographie des Genossen Stalin mehr und Genaueres als das ganze Politbüro. Darum hat der XX. Parteitag, der KPdSU dem jungen Funktionär einen Schock versetzt, den er nicht so elastisch abzufangen versteht wie offensichtlich der Genosse Ulbricht, der nun die schädlichen Fehler und Irrtümer Stalins so detailliert zu nennen wußte, von denen man sich trennen müßte.

Die SED war offensichtlich dabei, sich von Fehlern zu trennen. Gleich zu Beginn der Konferenz gab es eine Überraschung für den Funktionär: zu den Mitgliedern der Kommissionen, die man als ersten Programmpunkt bildete, gehörte auch Hans Jendretzky, früherer Berliner Parteivorsitzender, der im Herbst 1953 in Ungnade gefallen und strafversetzt worden war.

Das fünfstündige Referat des Genossen Ulbricht erwähnte den Namen Stalin kein einziges Mal. Offenbar sollte Ulbrichts Distanzierung von Stalin in seiner Rede vor den Berliner Bezirksdelegierten eine Woche zuvor dieses Thema ein für allemal erledigen. Jetzt galten seine Ausführungen dem zweiten Fünfjahresplan. Die Rede war ruhiger als üblich, kaum von aggressiven Temperamentsausbrüchen belebt, und nur ein einziges Mal riß sie die Hörer zu lebhaftem Beifall hin: als der Parteisekretär verkürzte Arbeitszeit in Aussicht stellte. Sorgsam notierte der Funktionär F. die neuen Projekte: ein Atomkraftwerk; Bau von Düsenmaschinen, die noch bis 1960 die Strecke nach Moskau in zweieinhalb Stunden bewältigen sollen; Konzentrierung des Außenhandels auf den Nahen und Fernen Osten, und die Hoffnung, daß die Lebensmittelrationierung bis 1960 aufgehoben werden könne, wie es schon für 1955 vorgesehen war.