Manches in Ulbrichts Rede ließ den Genossen F. aufhorchen. Der milde Ton etwa, in dem der Mittelstand angesprochen wurde, vornehmlich der private Handel, dessen Wettbewerb zum staatlichen Handel Ulbricht gegenwärtig noch für nützlich hielt. Staunend vernahm der Funktionär auch die werbenden Worte an die Großbauern, gegen die angeblich nie ein Kampf proklamiert worden sei, während doch der Parteifunktionär von der letzten Parteikonferenz her noch ihre Verdammung als Ausbeuter deutlich im Ohre hatte.

Richtzahlen und Planvorhaben sorgsam aufnotierend, lauschte der Funktionär seinem Parteisekretär, der da, von der Westpresse schwerkrank Stimme den Wirtschaftsplan erläuterte. War aber denn Ulbricht nicht, vor allen anderen, Stalins Apostel in der SED gewesen? Würde die Partei nicht ihn, den Erz-Stalinisten, jetzt ebenso "an den ihm zukommenden Platz stellen" müssen? Das Zentralkomitee hatte auf die unausgesprochene Frage des jungen Genossen die Antwort schon bereit. Am zweiten Konferenztag erklärte Heinrich Rau, daß die "hysterischen Attacken" der Gegner gegen Ulbricht zum Scheitern verdammt seien.

Aber die Probleme für den jungen Funktionär sind damit nicht erledigt. Er soll Stalin als Arbeiterführer, aber nicht als Klassiker weiter ehren. Stalin ist also nicht mehr genial und schöpferisch, und man darf über seine Fehler reden. Wann, denkt der Funktionär, wird man beginnen, über die Fehler und Irrtümer des Genossen Ulbricht zu reden?