Von Paul Hühnerfeld

Von einer Frau soll hier gesprochen werden, die beinahe schon vergessen worden wäre; von einer Frau, die noch als 34jährige aussah wie ein junges Mädchen, das auf bestürzende Weise nicht altert: dunkles Haar, dichte Augenbrauen, volle, nicht ganz geschlossene Lippen, eine starke, aber gerade geformte Nase – und Augen, die von unbeschreiblicher Schönheit gewesen sein müssen, obwohl man ihre Farbe auf der Photographie nicht erkennen kann. Erkennen aber kann man ein solches Ausmaß von freudigem Schmerz, von brennender Liebe zu dieser und stolzem Heimweh nach jener Welt, aus der wir alle kommen, daß man erschrickt. Diese Frau hieß Gertrud Chodziesner; unter dem Namen Gertrud Kolmar hat sie Gedichte geschrieben, die, im letzten Augenblick der Vernichtung entrissen, jetzt gesammelt herausgebracht worden sind:

Gertrud Kolmar: "Das lyrische Werk" (Sechste Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung–Verlag Lambert Schneider, Heidelberg. 352 S., 16,50 DM)

Was hier gerettet worden ist – Hermann Kasack und Jacob Picard, den Initiatoren, kann nicht genug dafür gedankt werden –, weist Gertrud Kolmar als eine der größten deutschen Dichterinnen aus.

Gertrud Chodziesner wurde 1894 in Berlin-Westend als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Rechtsanwalts geboren. Das stille Mädchen wuchs auf in der scheinbaren Geborgenheit einer bürgerlich-jüdischen Familie, in einem Lebensbezug, der vor allem vom Vater her ebenso durch große Liebe zu Tieren und Gärten, wie durch feinsinnige, liberale Lebenshaltung geprägt war. Schon 1917 veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte – sie war damals Dolmetscherin im Auswärtigen Amt; dann schwieg sie lange. 1934 nahm Elisabeth Langgässer einige ihrer Verse in eine Anthologie auf; im gleichen Jahr brachte die Autorin selbst einen eigenen kleinen Band "Preußische Wappen" heraus. Diese Gedichte, die in Ton, Sprachgewalt und formalem Können schon Eigenes, ja Großes verraten, zeigen die tragische, national-geprägte Liebe der preußischen Juden zu Deutschland, ihr Sich-eins-Fühlen mit den Menschen, von denen sie ein paar Jahre später in die Gaskammern geschickt wurden. 1938 erscheint – fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit und bald nach Erscheinen wieder eingestampft – ein zweiter Band "Die Frau und die Tiere". Dann wird Gertrud Kolmar von der Welle des Hasses ergriffen; bis 1943 war sie Zwangsarbeiterin in einer Munitionsfabrik; irgendwann in diesem oder dem folgenden Jahr ist sie dann den Weg nach Auschwitz oder Theresienstadt gegangen, von dem sie nicht mehr zurückkehrte. Das genaue Datum ihres Todes ist unwichtig – unser aller Schande wird durch diese Ungewißheit nicht gemildert.

Das Werk Gertrud Kolmars zeigt uns eine solche umfassende, große Begabung, wie wir sie unter den dichtenden Frauen Deutschlands vielleicht seit Annette von Droste-Hülshoff nicht mehr kennengelernt haben. Mit Recht weist der Verfasser des Nachwortes, Jacob Picard, darauf hin, daß selbst Else Lasker-Schüler sich neben Gertrud Kolmar wie eine schmale Begabung ausmache: "Dieses wird nicht betont, um Else Lasker-Schüler zu verkleinern, sondern nur, um an einer bekannten Gestalt Gertrud Kolmars Bedeutung zu zeigen."

Die Verse dieser tragischen, jüdischen Frau sind von einem kraftvollen, durchglühten Realismus. Manchmal wird man an Zeilen Wilhelm Klemms oder Alfred Momberts erinnert; aber das nur in Augenblicken, in denen man zur eigenen Erleichterung nach irgend etwas schon Bekanntem greift: in Wirklichkeit sind dies einmalige Gedichte, keinem Dichter der Vergangenheit oder der Gegenwart verpflichtet.