Bekannte Zeiterscheinungen, die aber auch kulturhistorisch an einer langen Kette von Hochzeitsbräuchen und Ehegesetzen zurückverfolgt werden können, werden rührend ignoriert, wenn deutsche Richter sich auf den Standpunkt stellen, Ehen hätten mit Geld nichts zu tun; oder, wie das exakter, aber umständlicher in der Fachsprache heißt, "die Ehe als Lebensgemeinschaft der Ehegatten steht als solche ihrem Wesen nach außerhalb der Güter, deren Verletzung allgemeine Ansprüche auf Ersatz des Vermögensschadens auslösen kann".

In England ist es möglich – und durchaus üblich –, daß ein Ehemann jemanden, der ihm seine Frau abspenstig gemacht hat, auf Schadenersatz verklagt. Vielleicht heißt das, realistische Einstellung und gesunden Menschenverstand ein bißchen weit treiben. In Deutschland hingegen darf der gleiche Ehemann unter Umständen auch noch die – nicht unerheblichen – Gerichtskosten für die Scheidung bezahlen.

Das wurde jetzt vom Hohen Bundesgerichtshof bestätigt in einem Urteil, dem gerade dieser Fall zugrunde lag: ein Ehemann klagte auf Scheidung, da seine Frau die Ehe gebrochen hatte. Sie gab das durchaus zu. Der Partner war bekannt. Die Ehe wurde geschieden, und die Frau schuldig gesprochen.

Vielleicht kann man das Erstaunen des Ehemanns begreifen, als er jetzt auch noch mehr als tausend Mark Gerichtskosten dafür bezahlen sollte, daß seine Frau ihn betrogen hatte. Nach dem gleichen Recht hätte, wohlgemerkt, auch eine Frau, die von dem Ehemann betrogen wird, die Scheidungskosten zu tragen, wenn er nicht zahlungsfähig ist. Der betrogene Ehemann trug also diesen Fall dem Landgericht vor. Dort wurde entschieden, daß er natürlich nichts zu bezahlen brauche.

Damit war die Geschichte keineswegs erledigt. Damit sind Rechtsstreitigkeiten heute in Deutschland fast nie erledigt. Mit einer Regelmäßigkeit, die etwas Bedrückendes hat, gehen sie an die "nächste Instanz". Und die ganze Rechtsverwirrung, die unser junger Staat von seinem Vorgänger, aber auch von den Besatzungsmächten geerbt hat, kommt in der Häufigkeit zum Ausdruck, mit der die "nächsten Instanzen" das vorliegende Urteil nicht etwa leicht revidieren oder gar bestätigen, sondern auf den Kopf stellen.

Das Oberlandesgericht also kam zu einem Urteil, das dem des Landgerichts genau entgegengesetzt war: der Ehemann muß zahlen, da der Verlust seiner Frau nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Wie aber schützen wir die Ehe? Das steht in der Urteilsbegründung zu lesen: "In erster Linie dadurch, daß sie nur aus eng umgrenzten, im Ehegesetz genau bestimmten, schwerwiegenden Gründen geschieden werden kann." Ist das wirklich so? Ist es nicht vielleicht im Gegenteil in Deutschland verhältnismäßig leicht, eine Ehe zu scheiden? Ein Engländer fände das sicher. Gerade hat in London eine Kommission entschieden, daß sie nicht bereit ist, siebenjährige Trennung der Ehegemeinschaft als Scheidungsgrund gelten zu lassen, von "Eheverfehlungen" und "schuldhafter Zerrüttung" gar nicht zu reden.

Zweitens, sagt der Hohe Gerichtshof, wird die Ehe dadurch geschützt, daß der Ehebruch nach dem Strafgesetzbuch mit Gefängnis bis zu sechs Monaten vergolten werden kann. Es handelt sich da um eine "Vergeltungsmaßnahme", von der in anständigen Familien glücklicherweise nicht Gebrauch gemacht wird. Ist es nicht vielleicht etwas seltsam, einem Ehemann, der nicht recht einsehen kann, warum er dafür, daß seine Frau ihm davongelaufen ist, auch noch tausend Mark und mehr bezahlen soll, zu sagen: Sie haben ja jederzeit die Möglichkeit, ihre Frau ins Gefängnis zu bringen? Leo