Eines Tages – es war im Herbst 1954 – ging ich die Rue de Rivoli hinauf zur Place de la Concorde, als ich plötzlich eine auffallende Erscheinung quer über den großen Platz auf mich zukommen sah. Ein Mann mittleren Alters, klein an Wuchs, dunkler Typ, den Blick ostentativ in die Ferne gerichtet, ging mit entschlossenen, weit ausgreifenden Schritten (den Mantel offen, den Hut in der Hand) unbekümmert durch das Gewühl des Pariser Verkehrs. Wie der Entwurf zu einer revolutionären Freiheitsstatue mutete diese Erscheinung mich an, und plötzlich schoß es mir durch den Kopf: Das muß Habib Bourguiba sein, der Führer der tunesischen Freiheitsbewegung.

Ich hatte nie ein Bild von ihm gesehen und ihn trotz mehrfacher Versuche nie zu Gesicht bekommen. Als ich zwei Jahre zuvor in Tunis war, lebte er verbannt auf einer Insel vor der afrikanischen Küste, und seither hatte er alle Formen der Freiheitsbeschränkung, die der carthesische Geist der französischen Verwaltungsbürokratie ersonnen hat, durchexerziert. Dieser Mann nun, der mir da begegnete, neben dem die normalen Passanten wie Larven wirkten und der eine Atmospäre von Freiheit, Unbeirrbarkeit und Gewißheit um sich hatte, konnte niemand anders sein als der Führer der tunesischen Neo-Destour-Partei, der fünfundzwanzig Jahre Kampf, Gefängnis, Exil, Entlassung und wieder Verbannung hinter sich hatte.

Ich kehrte um und folgte ihm. Und tatsächlich, er bog links ein in die Rue Castioglione und betrat das Hotel Continental, in dem ich am Vormittag vergeblich auf ihn gewartet hatte. Ein arabischer Mittelsmann hatte mir dort, ein paar Stunden zuvor, erklärt, Bourguiba werde die Verabredung nicht einhalten können, er sei offenbar festgehalten worden. Er dürfe nämlich Paris nur aufsuchen, wenn er zum Arzt müsse. Fünf Minuten später saß ich ihm gegenüber.

Ein faszinierendes Gesicht: helle, blaue Augen, schöne, hohe Stirn, ein groß modellierter Mund, scharf geprägte Züge – fast römisch wirkt sein Kopf. Orientalisch ist nur seine Eloquenz, die Freude am Wort. Diesen Mann zeichnet eine ganz ungewöhnliche Mischung von leidenschaftlichem Idealismus und politischem Maßhalten aus. "Sehen Sie", sagt er, "das ist das Schwierige, daß man den Franzosen Dinge, die längst fällig sind, Stück für Stück abringen muß. Sie sind keiner großen Geste fähig. Sie können nicht loslassen, wie es doch die Engländer in Indien vermochten. Sie wollen festhalten und vertrauen nur dem unmittelbaren juridischen Besitztitel. Ach, es macht so müde", seufzte er, "dieses Sich-Hinschleppen hinter einer Entwicklung, die fortschreitet. Niemals voraneilen, ja nicht einmal Schritt halten! Wie soll man den Freiheitsdrang unserer Völker und die anachronistische Besitzwut der Franzosen auf einen Nenner bringen? Man muß die Franzosen zu jeder Konzession zwingen, und sie dürfen doch nie das Gefühl haben, kapitulieren zu müssen, dann ist es aus – denn sie sind ein stolzes Volk, das gern von Ruhm und Größe träumt." "Ich habe immer", fuhr er fort, "für eine gemeinsame französisch-tunesische Lösung gekämpft, und ich werde das auch weiter tun; aber das will ich Ihnen sagen: Wenn die so weitermachen, dann wird Nordafrika eines Tages das Grab der Franzosen. Viel Zeit ist nicht mehr." Das war vor anderthalb Jahren. Bourguiba hat durchgehalten; mit unendlicher Geduld hat er immer wieder in Paris verhandelt und daheim seine Landsleute beschwichtigt, bis in der vorigen Woche am Quai d’Orsay der Vertrag über die Unabhängigkeit von Tunis unterschrieben wurde: Krönung eines lebenslangen Kampfes!

Habib Bourguiba, heute 53 Jahre alt, stammt aus dem tunesischen Mittelstand, aus jener Klasse von Lehrern, Anwälten, kleinen Beamten und Geschäftsleuten, die in Tunis weit stärker vertreten ist als in den anderen nordafrikanischen Gebieten. Eine eigentliche Mittelschicht und eine straff organisierte gewerkschaftliche Bewegung gibt es überhaupt nur in Tunis, das viel bürgerlicher und höher entwickelt ist als die anderen arabisch sprechenden Staaten. Bourguiba studierte in Paris Jura, macht mit vierundzwanzig Jahren sein Examen an der Ecole libre des Sciences Politiques und heiratete im gleichen Jahr eine Französin, mit der er zurück nach Tunis ging und dort eine Rechtsanwaltspraxis aufmachte.

Seine politische Aktivität begann 1930, seine politische Karriere vier Jahre später, als er die Neo-Destour-Partei gründete, die im Gegensatz zu der alten orthodox islamischen Destour-Partei eine mehr westlich orientierte Entwicklung anstrebte und die sofort daranging, die Massen zu organisieren. Schon nach wenigen Monaten wurden Bourguiba und seine Freunde deportiert und am Rande der Wüste, im äußersten Süden von Tunis, festgesetzt. Von dort schrieb Bourguiba im November 1934 an den damaligen französischen Generalgouverneur Peyrouton und schickte den Brief nicht offiziell über die Aufseher des Konzentrationslagers, sondern heimlich über seine eigenen "Kuriere" (was der Gouverneur als eine besondere Herausforderung empfand). Der Brief schloß: "Erwarten Sie von mir weder Unterwerfung noch Gnadengesuche. Ich würde die Achtung, die ich gern bewahren möchte, vor einem Gegner verlieren, der dies täte." Immer sprach Bourguiba vom Gegner (adversaire) und nicht vom Feind (ennemi). Auch heute, zwanzig Jahre später noch, obgleich es doch ganz natürlich gewesen wäre, wenn diese Jahre ihn hart und böse gemacht hätten. Ihr äußerer Verlauf sieht folgendermaßen aus:

1934 bis 1936 verbannt in Bordj-Leboeuf