Wilhelmshavener Bürger haben einen Brief an den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen geschrieben, in dem sie gegen die drohende Verlegung der Wilhelmshavener Hochschule für Politik und Wirtschaft in eine andere Stadt protestieren. Der Brief ist von den Vorsitzenden vieler Gremien unterzeichnet. Der Verband für Industrie und Handwerk, die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer, der Wilhelmshavener Anwalts- und Notarverein ‚ die Kreishandwerkerschaft, der Bund der Wilhelmshavener Grund- und Hausbesitzer – ihnen allen ist es laut Briefinhalt Herzensangelegenheit, die in Rüstersiel, acht Kilometer von der Stadt und weit von aller Welt entfernt liegende Hochschule nunmehr innerhalb der Stadtmauern der Marinestadt und keineswegs in Oldenburg, Bremen oder irgendeinem anderen Ort zu wissen.

Wer die Vorgänge, die zu dem Wunsch der Hochschule nach Verlegung geführt haben, kennt (wir haben darauf ausführlich in unserem Artikel "Eine Akademie weit von der großen Welt", Nr. 49 vom 8. Dezember 1955, hingewiesen), der ist über diesen Brief zugleich erstaunt und erfreut. Spät, vielleicht zu spät, offenbaren die Wilhelmshavener eine Liebe zu ihrer Hochschule, die sie sehr lange in ihrem Herzen geheimgehalten haben müssen. Wohlverstanden: das offizielle Wilhelmshaven, die Behörden, der Bürgermeister – sie haben sich immer loyal und gutwillig der neuen Hochschule gegenüber verhalten. Was die Professoren und Studenten beklagten, war vielmehr der mangelnde Kontakt mit den Bürgern der Stadt. Und gerade diese Bürger der Stadt möchten die Hochschule nun nicht nur nicht verlieren, sondern sogar aus Rüstersiel in den Stadtkern verlegen.

Soll man die Bürger von Wilhelmshaven tadeln, weil sie tun, was sie schon längst hätten tun müssen und wozu auch wir sie, als bestimmt noch Zeit dazu war, aufgefordert haben? – Beileibe nicht! Aber man muß die Unterzeichner dieses Briefes an den Ministerpräsidenten darauf hinweisen, daß es ihnen nunmehr ergehen kann wie jenem schüchternen Liebhaber, der allzulange wartete, der Dame seines Herzens seine Neigung zu gestehen. Als er es endlich tat, hatte sie sich gerade mit einem anderen verlobt. p. h.