Jahrzehntelang ist Heizöl ein vernachlässigtes und wirtschaftlich uninteressantes Abfallprodukt bei der Verarbeitung (Veredlung) des Rohöls gewesen. Auf der Produktenpalette der Mineralölraffinerien war es ein lästiger Bestandteil, dessen prozentualen Anfall man möglichst niedrig zu halten versuchte, zumal die anderen Erzeugnisse – wie Benzin, Petroleum u. a. m. – bessere Preise zu erzielen in der Lage waren. Die Vernachlässigung des Heizöls hat sich bitter gerächt. In aller Welt stehen Raffinerien, die überwiegend die leichteren und höherwertigen Produkte herstellen, so daß allmählich Spannungen in der Versorgung mit Heizöl aufgetreten sind. Der Energiehunger in allen Industrieländern und vor allem auch in Deutschland verlangt aber angesichts der geringen Zuwachsrate der europäischen Kohlenförderung den schnell steigenden Einsatz leichter, mittlerer und schwerer Heizöle für Haushalt, Gewerbe und Industrie. Schon im August des vergangenen Jahres haben wir an dieser Stelle in einer "Öl-Serie" auf das Desinteresse am Heizölgeschäft hingewiesen, worauf uns leidenschaftliche Gegenmeinungen aus einem Teil der internationalen Mineralölwirtschaft zugegangen waren. Doch dies konnte uns von der Richtigkeit unserer Auffassungen über die künftige Entwicklung des Energieverbrauches nicht abbringen. Nun hat einer der größten Welterdölkonzerne, die Standard Oil Compagnie of New Jersey, durch ihre deutsche Tochter, die Esso AG, Hamburg, jenen Weg beschritten, dessen Mehrgleisigkeit wir damals forderten.

Die Esso AG hat damit begonnen, auf dem linken Rheinufer nordwärts von Köln, etwa gegenüber den Farbenfabriken Bayer in Leverkusen, die größte Mineralölraffinerie der Bundesrepublik zu errichten und dieses Werk vorwiegend in den Dienst der Heizölproduktion zu stellen. Wenn in drei bis vier Jahren die Anlagen mit einer Anfangskapazität von drei, später von fünf Millionen Jahrestonnen Rohöldurchsatz laufen werden, dann ist das hauptsächlich von der Benzin- und Petroleum-Gesellschaft (BP), mühsam erarbeitete Heizölimportgeschäft durch innerdeutsche Großproduktion ergänzt.

Mit unternehmerischer Initiative geht Esso an diese Aufgabe. Es ist ein 500-Mill.-Projekt, das sie zu je einem Drittel aus Abschreibungen und Gewinnen, ans einer Kapitalerhöhung ihres amerikanischen Aktionärs und etwa 1958/59 durch Anleihebegebung am deutschen Kapitalmarkt finanzieren wird. Es ist zugleich ein mutiges Ja zum Strukturwandel im Brennstoffbedarf des deutschen Wirtschaftsraumes und basiert auf neuen technischen Verfahren zur wirtschaftlichen Produktion von Heizöl. Diese letztere Vorbedingung mußte erfüllt werden, ehe man an eine Realisierung herangehen konnte. Die Ingenieure haben es geschafft. Die neue Raffinerie arbeitet nicht mehr nach dem bisherigen Verfahren des Chackens und damit des hohen Anfalls von Benzin und leichten Stoffen, sondern umgekehrt: schweres Heizöl wird künftig zu 40 v. H., leichtes und mittleres Heizöl mit 10 und 15 v. H. anfallen, während auf Benzin und Düsenkraftstoff nur noch 13 bzw. 5 v. H. und auf Gasöl, also auf ein Mitteldestillat, etwa 20 bis 25 v. H. entfallen. An Gasen erwartet man etwa 6 v. H. Ausbeute bei der Verarbeitung des Rohöls. Diese werden teils unmittelbar, teils weiterveredelt an die chemischen Werke der industriellen Umgebung, vermutlich durch neu zu errichtende Rohrleitungen, fließen. Sie dienen dort als Rohstoffe für die Kunststoffindustrie.

Mit dem neuen Projekt erhält die Mineralölwirtschaft der Bundesrepublik ein neues Gesicht, Das Heizöl quillt nach oben und stellt sich neben die Kohle; um die Zuwachsraten im Energiebedarf zu seinem Teil auszufülllen. Das ist leicht gesagt, bedarf aber vor der Realisierung großräumiger Investitionen. So wird, weil Rheinstrom und Kanalsystem die erwarteten Transportmengen an importiertem Rohöl in wenigen Jahren nicht mehr werden bewältigen können, eine Pipeline zur Nordseeküste gebaut. Sie kostet, wie Generaldirektor Geyer von der Esso in Köln mitteilte, neben einem Aufwand für die Raffinerie in der ersten Ausbaustufe von etwa 200 Mill. DM weitere 150 bis 160 Mill. DM. Um die Pipeline zu versorgen, sind die ersten sechs Supertanker von je 36 000 tdw in Auftrag gegeben worden, und zwar zwei bei der Deutsche Werft AG, Hamburg, zwei bei der AG Weser in Bremen und zwei bei den Howaldtswerken. Sie kosten je Stück etwa 25 Mill. DM, zusammen ebenfalls 150 Mill. DM. Aber nicht nur die Schiffe, sondern auch die Anlagen und die Pipeleine werden deutsche Maschinen-, Elektro- und Röhrenwerke bauen. Hinzu kommen Tanklager mit einer Kapazität bis zu 700 000 cbm am Ende und bis zu 500 000 cbm am Anfang der Pipeline, die vermutlich in Wilhelmshaven beginnen wird, weil dort im Vergleich zum Konkurrenzort Rotterdam günstigere Bedingungen gegeben sind.

An dieser Pipeline beteiligten sich alle Raffinerien des Rhein-Ruhr-Gebietes, wobei Esso mit 40 v. H. vor Shell mit etwa 30 v. H. in Führung liegt. British Petroleum, Gelsenberg Benzin, Wesseling, Scholven (Hibernia) sowie Ruhr-Chemie, Ruhrbau und Ruhröl sind mit von der Partie. Die Firmen haben berechnet, daß schon in wenigen Jahren ihr Bedarf an importiertem Rohöl auf etwa 8 Mill. Jahrestonnen steigen und sich im Laufe weiterer Jahre verdoppeln wird. Der Heizölverbrauch der Bundesrepublik wird bis 1960 auf 10 Mill. t gegen zur Zeit 2 Mill. t in 1955 geschätzt; der Mineralölverbrauch dürfte sich in den nächsten sechs Jahren etwa verdoppeln, während der Benzinverbrauch relativ weiter absinkt. Für 1965 rechnen die Experten mit einem Jahresbeitrag von 15 bis 20 Mill. t Heizöl. W.-O. Reichelt