W. B. H., Kopenhagen, im März

Das ökonomische Bild, das die skandinavischen Länder zeigen, gleicht in den wesentlichen Zügen den meisten anderen europäischen Ländern: auch im Norden herrscht fortgesetzt Hochkonjunktur. Zu verhindern, daß sich diese Hochkonjunktur inflationistisch überschlägt bzw. die bereits aufgetretenen Inflationstendenzen zu bremsen, war das wichtigste wirtschaftspolitische Problem im vergangenen Jahr und wird es, vermutlich mit noch größerer Dringlichkeit, auch in diesem Jahr sein.

Die 1955 nach langem (möglicherweise zu langem) Zögern getroffenen kredit- und finanzpolitischen Maßnahmen haben bewirkt, daß die Investitionstätigkeit namentlich im Bauabschnitt nicht mehr ganz so lebhaft ist wie in den Vorjahren, daß das Produktionsvolumen zwar noch wächst, aber nicht mehr im bisherigen Schwung und Umfang, und daß die Vollbeschäftigung, das A und O aller sozialdemokratischen Regierungsweisheit im Wohlfahrtsstaat, sich insoweit normalisiert hat, als von einer Überbeschäftigung nicht länger gesprochen werden kann. Die in Dänemark durchgeführten Maßnahmen zur Begrenzung der Liquidität und zur Begrenzung des privaten Konsums bestanden hauptsächlich in Steuererhöhungen und der Einführung einer 15prozentigen Umsatzsteuer auf Textilwaren, wodurch 1955 und 1956 je 450 Mill. Kr. an Kaufkraft aufgesogen werden sollen, nachdem die Nationalbank bereits im Juni 1954 den Diskont auf 5 1/2 v. H. heraufgesetzt hatte. Letztes Jahr sahen sich auch Norwegen und Schweden in die Zwangslage versetzt, mit ihrer seit 1946 hartnäckig praktizierten Politik des billigen Geldes zu brechen. Norwegen erhöhte am 14. Februar 1955 seinen Diskontsatz auf 3 1/2 v. H., Schweden folgte am 19. April mit einer Erhöhung auf 3 3/4 v. H. in Verbindung mit der Emission einer 4 1/2 prozentigen Staatsanleihe, die einen Kurseinbruch auf dem Obligationenmarkt hervorrief.

Aber trotz der vorsichtig angezogenen Konjunkturbremsen weisen alle Statistiken neue Produktions- und Umsatzrekorde auf. In den beim Jahreswechsel üblichen Rückblicken wurde deshalb das vergangene Jahr als das beste Jahr seit Kriegsende bezeichnet, und die offiziellen Ausblicke auf 1956 waren von rosenrotem Optimismus geprägt. Dabei wird allerdings übersehen, daß die Hochkonjunktur ein Janusgesicht hat und niemand vorherzusagen vermag, wie lange die zur Dämpfung der Investtionsaktivität und zur Abschöpfung der Kaufkraft getroffenen Maßnahmen noch wirken werden. Übensehen wird in diesem Zusammenhang vor allem, daß es im Grunde weniger diesen Maßnahmen zu verdanken war als der günstigeren Entwicklung der terms of trade und der dadurch bewirkten Besserung der Handelsbilanz während der letzte! Monate.

Die von außen her einwirkenden Faktoren brachten große Preisvorteile, die sich insbesondere auf Dänemarks angespannte Valutasituation günstig auswirkten. In den ersten zehn Monaten des Jahres 1955 blieb der Wert der dänischen Einfuhr mit 6626 (i. V. 6618) Mill. Kr. praktisch unverändert, während der Wert der Ausfuhr um 1104 Mill. Kl. oder 23,3 v. H. auf 5835 (4731) Mil. Kr. in die Höhe ging. Diese Exportzunahme bedeutete einen Rückgang des Einfuhrüberschusses auf 791 (1887) Mill. Kr. Eine Verbesserung um rund eine Milliarde ist gewiß keine Kleinigkeit, aber trotzdem ist mal immer noch weit davon entfernt, daß der Traum des Finanzministers von einer Valutareserve von einer halben oder ganzen Milliarde in der Nationalbank Wirklichkeit werden wird.

Im Gegensatz zu der in den USA, Westdeutschland und der Schweiz herrschenden Preisstabilität ist man in Skandinavien ebensowenig wie in Großbritannien während des vergangenen Jahres in der Lage gewesen, den Preisauftrieb effektiv zu bremsen. Die Diskontmedizin und sonstigen Medikamente, die von den Regierungsdoktoren verabreicht wurden, um die Inflationsgrippe zu kurieren, haben wohl eine vorübergehende Besserung im Befinden des Patienten, aber durchaus keine vollständige Heilung bewirkt. Aller menschlichen Voraussicht nach wird die Kur in diesem Jahr mit neuen, noch kräftigeren Eingriffen fortgesetzt werden müssen, da der andere Weg zur Lösung des Problems, bestehend in einer Erhöhung der Produktion durch gesteigerte Arbeitsintensität bei gleichzeitigem Verzicht auf Mehrverdienst und Mehrkonsum, aus politischen Gründen nicht begangen werden kann. Mehr produzieren und bescheidener leben: dem steht schon die Indexkoppelung von Löhnen und Preisen entgegen.

War es bisher dank der Entwicklung der terms of trade und der Kredit- und Konsumbegrenzungen möglich gewesen, die der Hochkonjunktur innewohnenden Kräfte wenigstens einigermaßen in Schach zu halten, so wird man doch in Kürze abermals den gleichen Problemen gegenüberstehen, die viele schon für überwunden angesehen hatten. Mancherlei Anzeichen deuten darauf hin, daß die terms of trade sich wieder in anderer, ungünstiger Richtung entwickeln, während der Verbrauch durch die fortgesetzten Lohnsteigerungen in äußerst bedenklicher Weise stimuliert wird. Mit andern Worten: die Lohn-Preis-Schraube, nie ganz zum Stillstand gebracht, beschleunigt ihre Umdrehungsgeschwindigkeit, und wenn überdies der Fall eintreten sollte, daß auch andere, valutakräftigere Staaten zur Anwendung kaufkraftbegrenzender Mittel schreiten, muß man für die skandinavischen Länder im Laufe der nächsten Monate mit Schwierigkeiten von erheblich ernsterer Natur rechnen als diejenigen, denen sie sich im vergangenen Jahr gegenübergestellt sahen.