Paris, Ende März Manchmal sind Feen gütig. Wenn man gerade mit Sehnsucht vom Pariser Frühling träumt so ist es aufmerksam von ihnen, eine Einladung für eine Reise dorthin ins Haus zu schicken, auch wenn sie die Güte eng bemessen und den Aufenthalt am einen, nur einen einzigen Tag beschränken. Das ist weniger verlockend für jemanden, der zum erstenmal nach Paris geht. Aber für ein Wiedersehen sind auch wenige Stunden ein Glück.

Diesmal hatte die Fee der Internationalen Schlaf- – wagengesellschaft einen Wink gegeben und die Eingebung, eine Fahrt im neuen Einzelschlafwagen zu verschenken, damit alle zukünftigen Reisenden davon erfahren. Die neuen Schlafwagen 2. Klasse (mit Einzelbetten quer zur Fahrtrichtung) verkehren schon jetzt auf der Strecke Paris–Marseille und Holland–Mailand und werden nun zwischen Frankfurt und Paris eingesetzt werden. Bis zum 3. Juni, wenn zwischen den europäischen Ländern nach neuem Fahrplan gefahren wird, soller 80 Wagen fertig sein. In Deutschland hat die Deutsche Schlafwagengesellschaft als erste auch für die Reisenden 2. Klasse die einsamere und intimere nächtliche Reise- und Ruhemöglichkeit erdacht. Mit ihr steht die Internationale Schlafwagen-Gesellschaft (Wagons lits) in der Bundesrepublik, in der Schweiz und in Österreich in scharfem Wettbewerb, wobei der Kunde profitiert. In den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang konkurriert sie auf der Balkanstrecke bis Istanbul und auf dem Wege nach Warschau mit der (heute noch in der Sowjetzone sogenannten) Mitropa und anderen nationalen Unternehmen. Hier sucht die Gesellschaft unter Verlusten die Stellung zu halten; viele Wagen rollen fast leer durch die östlichen Nächte.

350 Reiseagenturen unterhält die Internationale Schlafwagengesellschaft in der ganzen Welt; sie ist mit Cook eine Verbindung eingegangen, die als "Weltreiseorganisation Wagons-Lits / Cook" die erreichbare Welt in Einflußsphären für das Geschäft, die Menschen vorwärtszutragen, aufgeteilt hat.

In den neuen Spezial-Einbettschlafwagen (mit geringem Fahrpreiszuschlag) kommt man bequem vorwärts, besonders wenn man die höhergelegenen Kabinen hat, zu denen ein Treppchen vom Gang hinaufführt, und gelangt schlafend über die Grenzen. Über Paris liegt an diesem frühen Morgen ein kühler, grauer Benzindunst und die Stadt ist in eine Staubhülle gesteckt. Aber Plakate locken an einen Ort, wo es golden leuchtet und Schätze gezeigt werden, die von weither kamen, Jahrtausende alt sind und noch weitere Reisen lohnen würden. Im Pavillon de Marsan des Musée des Arts Decoratifs werden präkolumbianische Keramiken aus dem alten Peru (aus der bisher unzugänglichen Sammlung M. Nathan Cummings) und 150 der schönsten goldenen Geschmeide, Masken, Flakons aus dem Gold-Museum in Bogota gezeigt. Die Goldschätze sind auf blauem Samt in erleuchteten Vitrinen ausgebreitet, die allein die abgedunkelten Säle mit ihrem Glanz erhellen. Wie die im Jahre 1952 in London und Paris aufgestellten frühen mexikanischen Kunstwerke sind auch diese peruanischen Schätze in Europa bisher nicht zu sehen gewesen und ziehen nicht nur die Pariser, sondern auch alle Fremden an.

Mittags scheint die Sonne südlich heiß, und aus der grauen, schweren Hülle ist fließendes Pariser Licht geworden. Da wird es Zeit, ein bißchen im Luxemburg-Garten zu flanieren. All die zauberhaft zärtlichen Liebespaare sind da in der Nähe der Fontaine amoureuse. M. le Curé sitzt gesammelt abseits auf einer Bank und liest sein Brevier; ein alter Clochard hat die Rotweinflasche in den Sand gerollt und den Kopf auf die Lehne sinken lassen. Warum kann ich nicht mit den netten Menschen sprechen, die ich hier treffe? Nur die Kinder sind harmlos und unbefangen genug. Sie geben lustige Antworten in ihrem beneidenswert perfekten Französisch.

Auf den Champs Elysées, wo die Damen in lichten Farben und leichten Kostümen promenieren, und an ihrer Kleidung mit einem verwegenen Hütchen, der Farbe des Schals, einer kecken Schleife, zuweilen mit tollkühnem Mut Akzente setzen, treffe ich einen Bekannten. Zwischen uns und die anderen Fußgänger schiebt sich Auto neben Auto auf die ehemaligen Reitwege, die als Parkplätze dienen. Manchmal geht es den Gästen, die an kleinen Tischen vor den Lokalen sitzen, fast über die Fußspitzen. Es ist Frühling, man ist gutgelaunt, höflich und zu Scherzen aufgelegt. Wenn es gelingt, politische Themen zu meiden, ist jede neue Begegnung mit diesen natürlichen, lebenslustigen Menschen wie ein Geschenk. Da bestaunt man sich auch schon selbst, wie man so ganz pariserisch den Bekannten umarmt, beschwingter geht, hiesiger blickt. Nur Stunden braucht man für die Verwandlung.

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