Ein junger, beliebter Offizier der amerikanischen Marineinfanterie, der Meilenläufer Wes Santee, war wegen überhöhter Spesenforderungen von der Amateur Athletic Union auf Lebenszeit disqualifiziert worden, hatte aber eine einstweilige Verfügung auf Aufhebung dieses Beschlusses vor dem Obersten Gerichtshof des Staates New York erwirkt. In einer erneuten Verhandlung wurde die Disqualifizierung nun bestätigt. Es gibt viele Menschen, nicht nur in Nordamerika, die angesichts dieses Vorfalles sich erneut heftig für einen sauberen Amateurstatus einsetzen und gerade von einem Offizier besondere Korrektheit verlangen.

Aber was heißt hier Korrektheit? Die Begriffe haben sich völlig verwirrt und müssen geklärt werden. Wes Santee wirft man vor, er habe nicht nur 1235 Dollar mehr kassiert, als ihm zustanden, sondern auch 1100 Dollar für seine Frau in Rechnung gestellt, von der er sich ungern für längere Zeit trennt und die er deshalb mitnimmt. Dafür haben nun die amerikanischen Leichtathletikfunktionäre anscheinend kein Verständnis. Anders die Tennisgewaltigen, die es für ganz selbstverständlich halten, daß sich ihre Davis-Pokal-Asse von ihren Frauen begleiten lassen, wofür ihnen alle Spesen vom Veranstalter vergütet werden. Dazu läßt sich jeder bedeutende Tennisspieler schon vor seinem ersten Auftritt auf einem Turnier einen Vorschuß auszahlen.

Käme ein Golfspieler auf die Idee, eine Schlägertasche mit dem Namen der Fabrik spazierenzutragen, von der er seine "Clubs" bezieht, so würde er aus den Reihen der Amateure ausgeschlossen. Bei den Amateur-Tontaubenschützen und -Kricketspielern ist man dagegen sehr großzügig. Sie dürfen unter Umständen Geldpreise annehmen, die zuweilen das Vielfache von dem betragen, was Wes Santee bekam. Auch von den Kanadischen Amateur-Hockeyspielern weiß man, daß sie alle recht gut honoriert werden. Einer der besten Kanadier schlug jahrelang alle Profiangebote aus, weil er von seinem Quebecer Amateurverein als ständiges Honorar 20 000 Dollar bezog.

Wer soll sich auch in dem Dschungel der Amateurbestimmungen noch zurechtfinden? Ein amerikanischer Collegeboy, der gut Fußball spielt, bekommt ohne weiteres eine Freistelle mit Stipendium für Studium, freie Verpflegung und kleine "Zugaben", während ein Golfspieler als Tagesspesen lediglich zehn Dollar erhält, jedoch alle seine Fahrtauslagen zu Wettbewerben aus eigener Tasche bezahlen muß. Der Leichtathlet darf je Tag für Verpflegung und Unterkunft fünfzehn Dollar in Rechnung stellen; reisen darf er im Flugzeug oder erster Klasse Eisenbahn auf Kosten des einladenden Vereins.

Man sieht, im allgemeinen läßt es sich auch als Amateur leben; aber es gibt eben Fallstricke der Amateurregeln, über die man leicht stolpern kann. Nurmi, der große finnische Läufer, und Gunder Hägg, der überragende schwedische Weltrekordler, hatten sich auch in ihnen verfangen und mußten abtreten, weil sie Aufwandsentschädigungen verlangten. Nurmi vertrat zwar noch die Ansicht, daß ein großer Sportsmann wie ein Armer leben müsse, aber das gilt heute nicht mehr. Der Sport ist zum Geschäft geworden.

Die Elite der Sportler, sagt man, nehme Entbehrungen und Verzicht auf viele Annehmlichkeiten des Lebens auf sich, um in freiwilliger Selbstzucht die Grenze ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit zu ereichen. Das ist wohl nicht immer so. Jedenfalls darf man nicht denjenigen, die versuchen, den echten Amateur vom unechten zu scheiden, daraufhin vorwerfen, sie riefen damit nach der "Mittelmäßigkeit" im Sport. Gerade sie verkennen nicht "die Notwendigkeit, die Jugend in einer Zeit des Materialismus und der Vermassung aufzurufen, nach ideeller Vollendung zu streben". Walther F. Kleffel