Heine – so scheint es – ist jedesmal anders, als der Biograph ihn will. Er entzieht sich an irgendeiner Stelle und treibt so noch posthum seinen Spott mit den um ihn im Guten und Böser Bemühten. Dies Anderssein ist nun freilich in seiner Natur, im Heineschen Charakter begründet. Beide liegen für den Nachfahr, wie für den Zeitgenosser. schon, alles andere als offen da. Es gibt da ganz bestimmte Malheurs, die einem plötzlich einen Strich durch die Rechnung machen können. Damit wird also für jeden zu rechnen sein, der sich mit dem Bilde eines Mannes befaßt, der Genie hatte, der ein Dichter von Byronscher Intensität war, dem Scharen von Epigonen folgten, die der deutschen Lyrik für einige Generationen ziemlich viel Schlimmes antaten. Über sie alle triumphiert nun freilich die Erscheinung Heines. Seine geistige Grazie, sein behender Witz? sein beweglicher Verstand haben es leicht, zu triumphieren. Dennoch sind die "Influenzen" nicht zu leugnen, die er hervorrief.

Dies alles muß man feststellen, will man die Schwierigkeiten andeuten, die den Biographen erwarten. Vielleicht hat es da der Autor leichter, der sich weniger auf Exaktheit als auf sein Fabulierungsvermögen verläßt, der seine Phantasie spielen läßt und – wenn es ihm recht dünkt – zu den Daten, zum Material greift. So macht es

Werner Steinberg: "Der Tag ist in die Nachtverliebt" (Verlag Deutscher Volksbücher, 432 S., 12,80 DM.

Wie Ist der Mensch Heine als Romanfigur zu fassen, ohne daß sich manches sentimentalisiert, ohne daß man gescheite oder rührende Genrebildchen gibt und sie aneinander reiht, ohne daß das Wechselspiel zwischen Individuum und Epoche – dies gerade bei Heine so durchaus blendende Auf und Ab – verlorengeht oder doch gleichsam aufgeweicht wird? Steinberg bleibt die Antwort schuldig, wiewohl seinem Buche anzumerken ist, daß er sich diese Fragen vor Augen geführt hat. Es ist offenbar nahezu unvermeidlich, daß es – bei der Romanfigur Heine – Stellen gibt, denen der Edelkitsch verdächtig nahe gerückt ist, an denen es fatal "süß" zugeht und damit fatal einseitig. Seltsam, daß die Erscheinung Heinrich Heines so leicht – beim Nachzeichnen – in ein Koordinatensystem verschiedener Schablonen hineingerät, in dem sich die Biographen verfangen! Heine hat ein für allemal kein Zeug für einen "Helden" (nach dem solche Romane so oder so verlangen), nicht einmal zum "negativen Helden".

Diesen Schwierigkeiten ist Max Brod in seinem Heine-Buch fast ganz entkommen:

Max Brod: "Heinrich Heine", Neuausgabe einer schon 1935 im Amsterdamer Verlag Allert de Lange erschienenen Arbeit. Jetzt: Non-Stop-Bücherei, Berlin-Grunewald, 239 S., 1,95 DM.

Diese Arbeit vereinigt in sich Lebensdarstellung, essayistische Verve, Leidenschaft der Mitteilung, die bis zu polemischen Äußerungen geht, neben ruhigen Partien reinen Referierens der Daten und der Geschehnisse. Man findet zum Beispiel Feststellungen wie diese: "Die Polemisiefsucht, rücksichtslose Spottlust, die immer wieder hervortretende Absicht, den Gegner durch das Wort nicht bloß zu widerlegen, sondern ,zu vernichten‘, erscheint zweifellos als eine der Haupteigenschaften Heines, ist aus seinem Bild nicht wegzudenken und bildet mit der ihm eigenen Wehleidigkeit gegen Angriffe, denen er seinerseits ausgesetzt war, ein seltsames und nicht eben sympathisches Ganzes. Er trat den Leuten auf die Füße und war höchst ungehalten darüber, wenn sie zurückboxten." – Brod hat ein erfrischendes Tempo, eine gewisse Forschheit, die seinem Gegenstand zugute kommt. Er ist nicht selten Partei. Aber solches Parteinehmen hält gerade der Typus Keine aufs beste aus. Es gibt der Sache Salz. Und man kommt unversehens ins Zeitalter hinein, das sich so gern der milden biedermeierlichen Verkleidungen bediente. Der eigentliche Abgrund steckt bei den Heine-Biographien im Detail. Es ist schon viel gewonnen, wenn ein "Klima" durchgehalten, vielmehr überhaupt erreicht wird. Das ist nun sicherlich im Buche Max Brods der Fall. Gott sei Dank werden in seinem Werk keine Standbilder errichtet. Er läßt derartige Absurditäten selbstverständlich auf sich beruhen und findet so wie selbstverständlich das "Menschenbild", nicht in romanhafter, erzählender Form, wohl aber in einer Art, die, allen Dekorationen, allen Arabesken abhold, gerade dadurch jene Legitimität bekommt, die man sich als Leser wünscht.