London, im März

Der Besuch. Malenkows in Großbritannien wurde dem Foreign Office dadurch bekannt, daß ein Beamter die Liste der angesagten Delegation von Elektroingenieuren durchging und dabei auf einen Namen stieß, der ihm bekannt vorkam. Er prüfte die Sache nach. Da wurde ihm bestätigt: ja, bei diesem Herrn Malenkow handelt es sich tatsächlich um den ehemaligen Sowjetministerpräsidenten. Niemand war sich damals recht klar, was wohl hinter diesem Besuch stecke.

Seit Malenkow am 16. März in der Stadt eintraf, die er selber "das wunderbare London" nennt, erkennt man den Sinn seiner Reise etwas klarer. Seine Aufgabe scheint darin zu bestehen, zuzuhören und Versuchskaninchen für den bevorstehenden Besuch von Chruschtschow und Bulganin zu sein. Im Foreign Office war man zunächst geneigt, ihn nicht mit besonderer diplomatischer Aufmerksamkeit zu behandeln. Aber schließlich wurde Malenkow doch vom Premierminister und vom Außenminister empfangen.

Außenminister Selwyn Lloyd soll ihn gefragt haben: Sie haben wohl wenig Lust, sich über politische Fragen zu unterhalten? Worauf Malenkow geantwortet haben soll: Im Gegenteil, es würde mich außerordentlich freuen, zu hören, was Sieüber die politische Lage zu sagen haben. – Daraufhin hielt ihm der britische Außenminister einen Vortrag über die Beziehungen zwischen Ost und West unter besonderer Berücksichtigung der Situation im Nahen Osten und der Abrüstung:frage. Malenkow hörte sehr aufmerksam zu. Die Begegnung gevann damit den Charakter einer Generalprobe für den Chruschtschow-Besuch.

Auch andere britische Politiker haben mit Malenkow gesprochen. Hugh Gaitskell, der Führer der Labour-Party, versuchte, ihm die Rolle zu erklären, die "Ihrer Majestät Opposition" im parlamentarischen Leben Großbritanniens spielt; und Gaitskell fand die Aufgabe, die er sich da gestellt hatte, "nicht so furchtbar leicht".

Malenkow wurde auch von dem Führungsgremium der Labour-Party zu einem Dinner eingeladen. Dabei bemühte er sich im Verlauf einer angeregten Diskussion, seine Gastgeber davon zu überzeugen, daß eine persönliche Diktatur wie zu Zeiten Stalins in Rußland nie wiederkehren könne, da das System der Kollektivführung inzwischen sehr solide re-etabliert worden sei.

Die Anwesenden konnten kaum glauben, daß ihr Gast, der sich da so bereitwillig ausfragen ließ, der gleiche Malenkow sein sollte, der bei den großen "Säuberungsaktionen" der dreißiger Jahre zusammen mit dem GPU-Chef Jeschow dessen blutiges Handwerk betrieben hat. Es ist wirklich nicht leicht, dem untersetzten kleinen Mann mit den weiten Hosen; der eine russische Übersetzung des schottischen Nationaldichters Robert Burns in der Tasche trägt und mit Fabrikmädchen schäkert, diese Vergangenheit zuzutrauen.