Von Karl Friedrich Boree

Es drehte ihn einmal um seine Achse, er hörte ein Knirschen, und ehe er noch platt auf dem Schnee lag, wußte er, daß nun mehreres anders sein werde, daß, was soeben noch gegolten hatte, nicht mehr galt. Ein Bein war gebrochen – nicht mehr, immerhin ein Organ der Freiheit.

Der veränderte Zustand trat als etwas, das sich liederließ und einnistete, erst ein, als er die Augen aufschlug und in der weißlichen Kammer sein in ganzer Länge weiß gepanzertes Bein vor sich liegen sah, einen starren Gegenstand, der doch zu seinem Leibe gehörte. Zwischen dem Sturz und diesem klaren Augenaufschlag lagen der Schock des knirschenden, Bruchs, ein paar Minuten verzweifelter Selbthilfe, die Seligkeit der Errettung, sowie der Aufnahme durch kundige, beflissene Hände und eine Spanne völliger Abwesenheit jeden Bewußtseins, ein Stückchen Tod: er hätte nicht sagen können, ob dieses Intervall zehn Minuten oder zehn Tage gewährt hatte. Jetzt lag er an seiner weißen Röhre vor Anker, immobilisiert, festgewachsen am Bett gleich jener niederen Tierart, die, am Meeresboden verwurzelt, nach allen Seiten Arme bewegt, ohne je über die ihr bestimmte Sphäre hinausreichen zu können, – abhängig bis zur Komik: wenn ein Bleistift vom sauberen Leinen rollte, empfahl es sich, klaglos sich einer anderen Tätigkeit zuzuwenden.

Ein paar Tage vergingen, dann war die gewohnte Unrast abgelegt und an ihrer Stelle das von der Natur, die unmerklich an ihm arbeitete, beliebte Zeitmaß angenommen, das Tempo, das sich nach dem Bedarf des Dinges richtet, nicht nach Uhr und Kalender, nicht nach Geheiß des Menschen, und das, gebilligt und zum eigenen Rhythmus erhoben, den noblen Namen "Geduld" führt. Denn Geduld ist die Fähigkeit, dem Werden der Dinge seine Eigengeschwindigkeit zu belassen. Ihr Element ist das Warten; Warten ist reinstes Erlebnis der Zeit. (Und also war auch dies ein Erleben und darum lebenswertes Sein.)

Gestörte Behaglichkeit

Er war in eine Anstalt aufgenommen. Erläutern wir das Wort an dem Korn von Ironie, das in ihm steckt: eine Anstalt ist ein Institut, in dem mit dem Menschen etwas angestellt wird, eine Manufaktur am Lebendigen. Sehr bald erkannte er widerstrebend, daß er nicht so sehr Gegenstand der Obhut und Pflege war – nicht so sehr! – als ein Objekt, an dem die Anstaltsordnung unerschütterlich zu vollziehen sei. (Der Tag begann vor halb sechs, und der gemeinhin für jede Genesung als förderlich geltende Mittagsschlaf wurde durch drei methodische Unterbrechungen in Abständen von je einer halben Stunde unmöglich gemacht.) Diese in einem Kompromiß zwischen Heilungsdienst und sozialer Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der dienenden Kräfte ausgehandelte Regel war gleichsam der Elan, zum Selbstzweck erstarrt. Auch die der Menschlichkeit im höchsten Grade gewidmete Caritas erwies sich als durch die praktische Notwendigkeit versachlicht und mechanisiert, und es betrübt, zu sehen, daß dieser Versachlichung des Persönlichsten, dieser Routine der Güte, das weibliche Geschlecht, das für das lebensnähere gilt, stärker unterworfen war als das männliche: unvorstellbar, "in den Armen" dieser verhasteten, Türen werfenden Schwestern zu sterben...

Er hat von Anfang an die Tage nicht gezählt und nach Terminen nicht gefragt. Es ist müßig. Der neue Tag beginnt ihm mit dem kupferfarbigen Schein, den die Sonne auf die weiße Wand wirft. Hat er, dieser Schein, nun schon gelb geworden, die Halbsäule erreicht, ist es sechs Uhr (die Nachtschwester ist längst hindurchgeglitten). Hat er die Ecke erreicht, ist es Zeit, sich zu waschen, ein fröhliches, ermutigendes Geschäft, seitdem man, auf dem Gipsbein stehend, es wieder ohne Hilfe verrichten kann. Danach erscheinen Pfleger und Tagesschwester, um mit einträchtigen, geschulten Handgriffen das Bett zu erneuern. Die nächste halbe Stunde verrinnt in gespanntem Warten. Dann ist es acht Uhr geworden, und mit kleinen Schwankungen in der Pünktlichkeit erfüllt sich der beste Programmpunkt des Tages: die Tür öffnet sich langsam vor dem Tablett, auf dem das reichliche Frühstück steht und von dem es nun dem Aufrechtsitzenden über das Bett geschoben wird. Die Zeitungliegt dabei. Es wird eine Zigarette angezündet und es formt sich ein Zeitkörper abgeschirmten Behagen, der dem Patienten in seinem gesunden Leben abhanden gekommen ist. – Behagen ist eine Zwergform, des Glücks. Täglich wird diese kleine Portion Glück verabreicht, ein bares Geschenk der Klausur.