Östliche Exportoffensive – Keine Bagatelle

Wir haben an dieser Stelle nicht erst gestern damit begonnen, die am Außenhandel interessierten Kreise der westdeutschen Wirtschaft vor jeder Selbstgefälligkeit gegenüber der östlichen Konkurrenz zu warnen. Wer sich nicht einmal unbedingt mit der "Weltanschauung" des Bolschewismus, sondem nur mit seiner Praxis in den letzten fünfzehn Jahren beschäftigt hat, sollte eigentlich eine Vorstellung davon haben, daß die Weltherrschaftsansprüche der Sowjets nicht nur auf dem Papier stehen und daß es eine kommunistische Wirtschaft um ihrer selbst willen nicht gibt.

Wenn man aber in den letzten Jahren mit nicht einmal unmaßgeblichen Vertretern der westdeutschen Wirtschaft, insbesondere aber manchen Angehörigen der Bonner Ministerialbürokratie, etwa darüber sprach, was sie von dem zunehmend anmaßenden und unbestreitbar geschickten Auftreten der sowjetdeutschen Außenhandelsorgane auf internationalen Messen und Ausstellungen außerhalb des Ostblocks hielten, stieß man oft genug auf ein mitleidiges Lächeln und eine Bemerkung ungefähr des Sinnes: "Was wollen Sie eigentlich? Sehen Sie sich die ständig steigenden Zahlen des westdeutschen Exports an. Wir lassen uns durch einige kleine Geplänkel am Rande des Geschehens, wie etwa den Streit um Warenzeichen, nicht aus der Ruhe bringen. Wer sich gestört fühlt, wird sich schon selbst zur Wehr setzen."

Es scheint so, als ob man sich allmählich eines Besseren zu besinnen beginnt. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls von einer gemeinsamen Informationsveranstaltung der Berliner Absatz-Organisation und des Internationalen Messe- und Ausstellungsdienstes (IMAG), München, mitnehmen. Der Berliner Wirtschaftssenator Dr. Paul Hertz stellte mit Recht fest, daß die westdeutsche und Westberliner Wirtschaft in der neuerlichen östlichen Exportoffensive einen Wendepunkt sehen müsse, der "ganz blutig ernst" zu nehmen sei. Das gelte nicht nur für das Auftreten der Ostblockstaaten in den unterentwickelten Ländern, sondern auch auf den alten Märkten. Und Dr. Joachim Hietzig, geschäftsführender Gesellschafter der IMAG, die seit ihrer Gründung im Jahre 1948 die deutsche Beteiligung an rund siebzig Auslandsmessen auf vier Kontinenten vorbereitet und organisiert hat, also über einige unbestreitbare Erfahrungen verfügt, machte auf die geschickte Parole der Sowjetzone aufmerksam, die den mit den genauen Verhältnissen in Deutschland nicht vertrauten ausländischen Messebesucher an den guten Ruf der alten Reichshauptstadt unter dem Motto erinnert: "Berlin, die Hauptstadt Deutschlands."

Es ist verständlich, daß weder der Bund noch gar Westberlin willens und dazu imstande sind, der notfalls mit unbeschränkten Staatsgeldern finanzierten massiven Propaganda des Ostens etwas Gleichartiges entgegenzusetzen. Aber es ist begrüßenswert, wie man bei dieser Gelegenheit erfuhr, daß nicht nur die private Initiative der Mittel- und Kleinbetriebe bei der Beteiligung an Auslandsmessen in geeigneter organisatorischer Form, sondern auch unter beträchtlichen finanziellen Zuwendungen des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert werden soll. Dabei denkt man weniger an die Beteiligung auf allen schon viel zu zahlreichen internationalen Messen, als vielmehr an die Veranstaltung eigener deutscher Industrieausstellungen an besonders wichtigen Punkten, wie es 1954 bereits in Mexiko-City geschehen ist und im nächsten Jahr in Kairo der Fall sein wird. Der Erfolg dieser Ausstellung in der ägyptischen Hauptstadt, die absichtlich als Kristallisationspunkt der arabischen Welt gewählt worden ist, wird zeigen, ob die jetzt einsetzende westdeutsche Messedämmerung nach den großspurigen und offensichtlich nicht erfolglosen Bemühungen der Sowjetzone am gleichen Platz im Jahre 1954 gerade noch rechtzeitig oder etwa schon zu spät kommt. gns.