Florenz, Ende März

In den Wochen vor Ostern, wenn der Frühjahrsgroßputz einsetzt, pflegen auch die Städte, die sich mit Beginn der Reisezeit wie gastliche Häuser für die Fremden auftun, mit verdoppeltem Eifer die letzten unordentlichen Ecken aufzuräumen. Bis auf die Ecken natürlich, deren malerische Unordnung zu ihren Hauptattraktionen gehört. Ein sauberes Neapel, ein gefegtes Genueser Hafenviertel würden die folkloristischen Eigenheiten dieser Besucherzentren mindern und ihre Reize für die Touristen verlieren.

Aber Florenz, die anmutige, strahlende Citta dei Fiori lebt nicht vom Folklore. Florenz lebt von der Glorie seiner Kunst und seiner Vergangenheit. Es hält darauf, seine Kunstwerke in sauber entstaubtem Rahmen zu präsentieren.

In diesen Wochen erreicht die jährliche Generalreinigung von Florenz ihren Höhepunkt. Die vereinzelten Fremden, die sich jetzt schon hierher verirrten, und ein wenig ratlos wie zu früh angekommene Zugvögel frierend in den Straßen und vor verschlossenen Sälen stehen, kommen noch nicht recht auf ihre Kosten. Noch schlafen die Postkarten- und Andenkenverkäufer. Noch ruht das Heer’der Fremdenführer.

Im Palazzo Vecchio regieren zur Zeit außer der Stadtverwaltung die Restauratoren, Maler, Maurer und Putzfrauen. Sie tun es mit dem gleichen feierlichen Ernst, mit dem hier seit über 600 Jahren die Geschicke der Stadt gelenkt werden. Aber diesmal ist es mehr als das alljährliche Frühjahrsreinemachen. Es ist eine Generalrevision, bei dem dieser lebendigste und schicksalreichste aller alten Palazzi Italiens Geheimnisse preisgibt, die seit Jahrhunderten hinter vermauerten Winden vergessen waren. Mit den ältesten Stadtchroniken und dem hilfreichen Vasari in der Hand, der nicht nur im 16. Jahrhundert den Palazzo umbaute und die Wände mit seinen Bildern und Monumentalfresken versah, sondern auch den Kunsthistorikern und Architekten kommender Jahrhunderte eine genaue Beschreibung des Gebäudes hinterließ, ging Architekt Ciri seit vielen Jahren wie ein Goldsucher auf Entdeckungsreisen. In diesem Frühjahr nun feiert er den Triumph, daß viele seiner bisher bezweifelten Bauthesen sich als Tatsachen erweisen. Die verborgene Treppe, von der Vasari berichtet, Zugang von Lorenzo Medicis Gemächern zu den Räumen der Leonora – ist wiedergefunden. Die vor lauter Prunksälen vergessenen Privatstudios, die hinter Fresken verborgenen mittelalterlichen Kamine (damals wußte man offenbar nicht nur die Jahreszeiten allegorisch darzustellen, sondern sich auch praktisch auf sie einzurichten – eins Kunst, die man inzwischen im Süden vergessen hat und deren Fehler im letzten kalten Winter sehr schmerzlich auffiel), jetzt taten sie sich wieder auf. Küche und Vorratskammern, nicht zuletzt die winzigen, steinernen Ritiratas (in jedem internationalen D-Zug ist der Wortsinn zu finden, falls Sprachkenntnisse oder Lexikon fehlen) beweisen endlich, daß man in diesem Gebäude nicht nur regiert, repräsentiert und intrigiert, sondern wirklich gelebt hat.

In den Räumen der Mediceer-Kinder, die im Verhältnis zu den Prunksälen bisher als zu anspruchslos und zu klein dem Publikum verschlossen blieben, sitzen die Bilderrestauratoren über ihrem Werk. Dankbar und leicht erscheint ihre behutsame Millimeterarbeit, verglichen mit der Herkulesarbeit, die sich zwei Schwestern im Nebengelaß gestellt haben. Zu ihnen trägt man wie empfindliche Kranke, die man kaum anzufassen wagt, die reparaturbedürftigen alten Gobelins. Das Material für ihre Arbeit, "Mediciwolle" genannt, muß aus Frankreich importiert werden. Der Geist für ihr Werk jedoch – Monate, oft Jahre bedarf es, um einen einzigen Gobelin zu reparieren – scheint aus einer längst versunkenen, demütigen Zeit heraufbeschworen zu sein, in der die Menschen sich selbst vergaßen um des Dienstes an einem Größeren willen.

Die entsagungsvolle Aufgabe der Gobelinstickerinnen spottet jedes Termins. Die Handwerker und Putzfrauen im Palazzo Vecchio aber sputen sich in ganz unitalienischer Weise, um zu Ostern "ihren" Palast für die friedliche Invasion von Bewunderern aus aller Welt in neuem Glanz präsentieren zu können. Monika v. Zitzewitz