Für die siebzehnte venezianische Filmfestspielwoche im August werden schon jetzt große und umwälzende Neuerungen angekündigt. Festspiele und öffentliche Veranstaltungen zu kritisieren, ist eine beliebte italienische Spezialität. Während der Olympischen Winterspiele in Cortina zum Beispiel waren die bittersten Kritiken in den italienischen Zeitungen zu lesen. So sind auch die Filmfestspielwochen in Venedig schon seit ein paar Jahren besonders kritisiert worden: Sie wären zu lang, die Preise zu zahlreich, die Jury beeinflußt, der Filme zuviel und mit zu wenig Niveau, um auf die Dauer der steigenden Konkurrenz von Cannes und nun auch Berlin standzuhalten. Von dieser immer lauter werdenden Kritik angespornt, haben sich nun die Veranstalter entschlossen, zu radikalen Änderungen zu greifen.

Zunächst wird also die Dauer der Festspiele gekürzt: nicht mehr siebzehn Tage wie bisher, sondern nur noch zwölf, vom 28. August an. Auch gibt es nicht mehr zwei oder gar drei Veranstaltungen an einem Tag, sondern einen einzigen abendfüllenden Film. Keine unzähligen Preise mehr, sondern nur ein Lorbeerkranz für den besten Film, und die beiden Coppe Volpi für den besten männlichen und den besten weiblichen Darsteller,

Man kann nicht umhin, den Mut des neuen, jungen Leiters der Veranstaltungen, Floris Ammannati, zu bewundern. Man bedenke: im Jahr 1955 wurden in siebzehn Tagen 34 verschiedene Filme von neunzehn verschiedenen Nationen aufgeführt. Es ist nicht anzunehmen, daß sich in diesem Jahre weniger Filme und weniger Länder melden werden – im Gegenteil. Floris Ammannati und seine Kommission haben also nicht nur Filme von der Schau auszuschließen, sondern auch Nationen, und zwar im allergünstigsten Falle – wenn man nämlich annimmt, daß die zwölf besten Filme dieses Jahres jeder von einem anderen Lande produziert wurden – sieben Nationen und, im Vergleich zum Vorjahre, mindestens 22 Filme. Es kann aber geschehen, daß "kleine" Länder, wie Brasilien, Bulgarien oder Finnland, hervorragende Filme schaffen – ihre Produktionen werden von Jahr zu Jahr vielversprechender –, und große Länder, wie Amerika, Rußland oder Frankreich, diesmal keinen. Werden diese Nationen – so fragen sich die Kritiker – einen solchen Ausschluß ohne Ressentiment aufnehmen? Oder werden sie dann im nächsten Jahr nach Cannes und Berlin abwandern und Venedig ignorieren? Und wer schützt die mutigen Veranstalter vor dem Verdacht, "politisch" gehandelt zu haben, wenn sie Urteile zugunsten der einen, statt der anderen rivalisierenden Großmacht abgeben? Ingrid Parigi