In der vergangenen Woche sind zwei weitere Kapitalerhöhungen durchgeführt worden, die beide trotz ihrer Verschiedenartigkeit Musterbeispiele dafür sind, wie sich die Finanzsituation im Gesellschaftswesen zu ändern begonnen hat. Die Mannesmann AG ist an den Aktienmarkt mit einer Emission von 90 Millionen DM neuer Aktien zu 110 v. H. herangetreten; die Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft hat unter Ausschluß des Bezugsrechts der Aktionäre eine dritte Kapitalerhöhung durchgeführt und die neuen Aktien zum Kurs von 200 v. H. untergebracht.

Man mag zu dieser Conti-Gas-Transaktion sagen, was man will. Mancher Aktionär mag enttäuscht sein, daß ihm nicht wieder zu 100 oder 110 v. H. phantastische Bezugsmöglichkeiten angeboten worden sind. Wie gesagt, bei Conti-Gas ist es die dritte AK-Erhöhung nach der Zusammenlegung und der Verlagerung nach dem Westen. Die Verwaltung hat den Mut gehabt, ihre Aktionäre unberücksichtigt zu lassen, dafür aber den doppelten Nominalwert, nämlich 200 v. H., zugunsten des Unternehmens hereinzubekommen. Hier hat der Grundsatz gesiegt: Die Zeit für Geschenke an die Aktionäre ist vorbei. Die Unternehmen müssen versuchen, das Höchstmaß von Finanzmitteln für ihren künftigen Weiterbestand hereinzubekommen. Am Ende dient dies dem Daueraktionär besser, als die Politik der Börsenattraktionen ...

Mannesmann ist einen anderen Weg gegangen, der aber ebenfalls symptomatisch für die Zukunft ist. Generaldir. Wilhelm Zangen hat auf einer Pressekonferenz einiges dazu gesagt, was allgemeine Beachtung verdient: Die Ära der steuerbegünstigten Selbstfinanzierung, also die Zeit der Paragraphen 7c und 36, ist abgelaufen. Von nun an kommen die Gewinne der Unternehmen voll in die Steuer, d. h. sie werden vorab zugunsten des Fiskus um 56 v. H. abgeschöpft, also um mehr als die Hälfte zusammengedrückt. Jeder erkennt leicht, wie schwierig es geworden ist, künftig aus Gewinnen Investitionsprogramme zu finanzieren, wenn man zugleich gewillt ist, im gesamtwirtschaftlichen Interesse die Preise einigermaßen stabil zu halten. Behält die Bundesregierung die abnormen Steuersätze bei, dann muß sich Industrie und Gewerbe entweder damit abfinden, auf dem gegenwärtigen Industrieniveau stehenzubleiben und sich zu beschränken, oder man muß an den Kapitalmarkt gehen und neues Eigenkapital schaffen. Steuerlich wären zwar Anleihen günstiger, aber die letzten großen Anleihetransaktionen haben gezeigt, daß hier zur Zeit kein Blumentopf zu holen ist. Aktienemissionen sind die Folge, wobei nicht mehr nur die alten Aktionäre in Anspruch genommen werden, sondern neue Aktionäre geworben werden müssen.

Diese Veränderung erfordert für die Zukunft eine sorgsamere Beachtung des Aktienmarktes durch Gesellschaften wie durch Banken als bisher. Die Pflege der Aktie rückt wieder in den Vordergrund. Die Rendite bekommt Bedeutung und tritt hinter der Kursspekulation zurück. Die relative Stabilität der Börsenkurse, die seit einigen Monaten zu beobachten ist, darf vielleicht schon als Barometer für diesen Wandel aufgefaßt werden: Die Zeit der Geschenke ist vorbei, die Pflege und die gute Dividende bekommen wieder die Vorderhand. -lt

Eisenwerk Wülfel weiter gut beschäftigt. Auf der HV des Einsenwerkes Wülfel, die antragsgemäß 1954/55 (30. 9.) eine Dividende von 9 (i. V. 8) v. H. auf 8,25 Mill. DM AK genehmigte, teilte der Vorstand mit, daß der hohe Auftragsbestand und die Tatsache, daß der Auftragseingang unverändert lebhaft ist, dem Werk auch im laufenden Geschäftsjahr volle Beschäftigung gewährleistet. Allerdings müsse man vielleicht mit einer gewissen Beeinträchtigung des Ergebnisses rechnen, weil die in der Metallindustrie ausgelöste Lohn- und Gehaltsbewegung ab Mitte Dezember 1955 zu einer durchschnittlichen Erhöhung der Löhne und Gehälter um 10 v. H. geführt habe.

Messerschmitt ist optimistisch. Nach durchgeführter Sanierung ist der Vorstand der Regensburger Stahl- und Metallbau GmbH, Messerschmitt-Werk, für die künftige Entwicklung optimistisch. Die Firma stellt Kabinenroller her und befaßt sich mit der Reparatur von Bahnpostwagen. An die Aufnahme der Flugzeugproduktion im Regensburger Werk sei nicht gedacht. Die Gesellschaft, die zur Zeit 650 Personen beschäftigt, will den Rollerausstoß von im Durchschnitt 800 Stück je Monat in 1955 auf nunmehr 1000 Stück monatlich steigern. 40 v. H. gehen ins Ausland; der Gesamtumsatz des Werkes hat sich 1955 auf rd. 20 Mill. DM gegenüber 1954 verdoppelt. Die derzeitige Auftragslage ist befriedigend.

Von der Anlagen- und Apparatebaufirma Karl Fischer, Berlin-Borsigwalde, wurde unter dem Namen Karl Fischer do Brasil Ltda. in Sao Paulo eine Zweigniederlassung gegründet. Das Berliner Unternehmen, das über eine mehr als 30jährige Erfahrung in der Herstellung von chemischen Anlagen verfügt, soll für die brasilianische Alba AG in Cubatao (Santos) eine der modernsten Formol-Fabriken der Welt errichten. Die Kosten der Anlage werden auf 1 Mill. $ geschätzt. Die Produktion der Fabrik, die Ende des Jahres arbeiten soll, wird täglich 30 t Formaldehyd betragen.