W. Otto von Hentig, zuletzt Botschafter in Djakarta, hat sich sein Leben lang mit den Problemen des Nahen Ostens beschäftigt. Er ist heute technischer Berater des Königs Saud in Saudien.

Djiddah, im März

Djiddah noch vor sieben Jahren besuchte,kennt es nicht wieder. Bald wird keines seiner zweihundert und mehr Jahre stehenden großen Steinhäuser, mit ihrem geheimnisvollen geschlossenen Holzerkern, mehr stehen. Riad ist fast ganz niedergerissen, und in Mekka-Medina legt man die heiligen Moscheen von allem frei, was sich im Laufe der Jahrhunderte um sie herum angesiedelt hat.

Auch in diesen Maßnahmen kommt der Wandel der Anschauungen, Lebensweise und Stellung der Saudier oder genauer der derzeitigen Bewohner des Landes zum Ausdruck. Ein Drittel der Bevölkerung lebt in den wenigen Städten Mekka, Djiddah, Medina im Westen, Damman, Dhahran im In der Öl- und Bauindustrie sind in der Mehrzahl Eingewanderte beschäftigt, häufig auch Fremde, die bei der Pilgerfahrt, zunächst um ihre Unkosten abzuarbeiten, dann aber auch der hohen Löhne wegen hängengeblieben sind. Es sind Somalis, Nubier, Jemeniten, Ägypter, Turkestanen, Indonesier und in den kaufmännischen und Büroberufen vorwiegend Palästinenser, Libyer, Syrier – ein denkbar buntes Rassengemisch. Man braucht sie, man bevorzugt sie, weil sie etwas können, etwas gelernt haben und, wie zum Beispiel die Jemeniten, weil sie arbeiten wollen.

Diese Arbeiter werden sehr gut bezahlt, weil die Amerikaner ihren Arbeitern und Angestellten auf Verlangen der saudischen Behörden Löhne Zahlen, die den amerikanischen immer mehr angeglichen werden und weil die dadurch steigende Kaufkraft die Preise in die Höhe treibt, was dann wieder steigende Löhne zur Folge hat. Zwischen den Verhältnissen im Ölgebiet und denen in Djiddah besteht nur ein Unterschied: daß dort für die Arbeiter gesorgt wird und hier nicht. Abgesehen von Schwimmbad, Tennisplatz und Krankenhaus hat bei der Aramco im Ölgebiet von Dhahran jeder Arbeiter ein festes Häuschen, dem nur noch die wahrscheinlich bald folgende Klimaanlage fehlt. In Djiddah lebt das Gros der zugezogenen Arbeiter unter Zementpapiersäcken, bestenfalls in Kisten- und Kanistersiedlungen. Noch ist man bescheiden, und die Maurer sind mit dem Tagesverdienst bis zu 26 DM Akkordlohn zufrieden. Aber der Gegensatz zwischen den trostlosen, staubigen, wasser- und fast schattenlosen Quartieren und den, auch in Abwesenheit des Monarchen, hellerleuchteten Palästen ist so groß, daß er von allen als immer aufreizender empfunden wird.

Die deutsche Presse beschäftigt sich immer nur in sensationeller Weise mit Saudien: dem Glanz des königlichen Hofes, der Strafjustiz, den verschleierten Frauen. Niemand denkt über den Schock nach, den der plötzliche Eintritt in das technische Zeitalter für ein Hirtenvolk bedeutet.

Was hätte man denn mit dem ungewohnten, geradezu überraschend hereingebrochenen Reichtum anfangen sollen? Man stieg vom Kamel in den Ford, vom Ford in den Cadillac, vom Cadillac ins Flugzeug, um sich die qualvollen wochenlangen Wüstenreisen zu ersparen. Man baute Palais mit Gärten, kaufte dazu Pump- und Lichtanlagen, natürlich viel Neonröhren, weil sich die arabische Schrift so gut in ihnen macht. Man kaufte für die Frauen Schmuck und Kleider von Fath und Dior, man reiste und erfuhr die Macht des Geldes. Für die Familie und die Leute im eigenen Haushalt – die viel zitierten Sklaven! – wurde gut gesorgt; sie sollten an dem Überfluß teilhaben, ihn mit Vergnügen bewundern und reichlich genießen. Für die Fernstehenden gab es Wagen, Uhren und Kleider, es wurde auch freigiebig Geld verteilt. Eine soziale, allen gleichmäßig zukommende Bildung oder eine irgendwie geartete Fürsorge für die Allgemeinheit kannte man nicht. Mittlerweile aber ist sie im Begriff, sich langsam zu entwickeln, genau wie das ebenfalls bisher nicht existente Staatsgefühl und Verantwortungsbewußtsein.