W. L., MünchenHerrlicher Sonnenschein und g’führiger Schnee hatten den Zahnarzt Dr. Oskar Kraus am 20. März 1955 dazu veranlaßt, einmal ohne Frau und Kind mit seinen Skiern auf den Herzogstand-Fahrenbergkopf (1626 m) zu fahren. In der Talstation der neuerbauten Sesselliftschwebebahn, direkt am Walchensee, waren um die Mittagszeit dieses Sonntags nur wenige Menschen, so daß Dr. Kraus recht bald schon auf dem traktorensitzähnlichen Bahnsessel hockte und die teilweise bis zu 89,8prozentige Steigung dieser steilsten Kleinschwebebahn erlebte. Das starke Seil zog den Sessel 49 gerade über die Führungsrolle des Trägers II. Unter dem Fahrgast lag der steile Hang des Berges mit der nur oberflächlich gerodeten Waldschneise. Plötzlich gab es einen Ruck, dann peitschte, hell pfeifend, ein Seilende durch die Luft. Die Schreie todesgeängstigter Menschen verhallten zwischen den Baumstumpen. Neben Sessel Nr. 49 lag Zahnarzt Dr. Kraus, tot.

Es gab damals drei Tote und acht Schwerverletzte unter den Fahrgästen dieser "staatlich geprüften" Sesselliftbahn am Herzogenstand. Die laute Anklage gegen die Verantwortlichen eröffnete eine deutsche Illustrierte; der Reporter hatte eine unglaubliche Vernachlässigung der elementarsten Konservierungs- und Wartungspflichten festgestellt.

Jetzt ist die öffentliche Anklage erhoben worden, womit man zwar den Kindern des verunglückten Zahnarztes ihren Vater nicht wiedergeben kann, womit man aber wieder einmal öffentlich den Beweis antreten muß, daß die Unfähigkeit in verantwortlichen Stellungen verhängnisvolle Folgen haben kann. Ministerialdirektor Heinrich B., Oberregierungsbaurat Dr. Max S., Dipl.-Kaufmann Heinz K. und der technische Betriebsleiter der Herzogstandbahn werden sich im Münchener Justizpalast wegen "fahrlässiger Tötung und Körperverletzung" zu verantworten haben.

Täglich liefen die Sessel der Schwebebahn profitbringend in die Höhe, und nur ein schlechter Geschäftsablauf hätte wohl den Besitzer veranlaßt, sich mehr um die Bahn zu kümmern. So aber überließ er das seinem technischen Leiter, der selbst noch bei Kardeelbrüchen weiterhin Personen beförderte. Von Ministerialdirektor Heinrich B. war dieser Mann als Betriebsleiter noch im Dezember 1954 bestätigt worden. Oberbaurat Dr. Max S. versäumte es, sich eingehend mit einer bei dieser Bahn neu eingeführten Art der Sesselliftbefestigung an Ort und Stelle bekannt zu machen. Was damals eine "technische Neuerung" war, hält man heute allgemein für Unsinn. Die gleichen Behörden, die damals die Sicherheit dieser Bahn garantierten, müssen jetzt die Unzulänglichkeit einer derartigen Sesselbefestigung zugeben. Es bleibt darauf hinzuweisen, daß "nach sorgfältigster Prüfung aller Umstände und technischen Voraussetzungen" die neue Herzogstandbahn wieder durch den bayerischen Wirtschaftsminister eröffnet worden ist.