Von Wolfgang Krüger

Aus dem Munde des Bundeswirtschaftsministers haben wir in letzter Zeit des öfteren die Versicherung gehört, daß die Währung nicht gefährdet sei. Auch der Bundeskanzler hat es vor wenigen Tagen für notwendig befunden, über den Rundfunk zu erklären, daß die Stabilität des Geldes "über jeden Zweifel erhaben" sei. Wo solches beteuert wird, fehlt es wohl auch nicht an Skeptikern. In der Tat, so ist es. Wo auch immer heute in kleinerem oder größerem Kreis über Löhne und Preise, über Lebensstandard, Rüstung, Sozialreform und was auch immer uns das Herz mit Sorgen erfüllt, gestritten wird, da fällt irgendwann und mit beinahe tödlicher Sicherheit auch das Wort von der "ständig sinkenden Kaufkraft Derjenige muß sich böse Worte sagen lassen, der in des Gefechtes Hitze etwa ein Heft der monatlich erscheinenden Berichte des Statistischen Bundesamtes (Wirtschaft und Statistik) aus der Tasche zieht, die ja doch auch beim besten Willen wenig Stütze für derartig dramatisierende Behauptungen geben.

Es gibt Menschen, die wenig oder gar nichts von Indexerrechnungen halten. Für sie sind die täglichen Erfahrungen maßgebend, die sie als Käufer oder Verkäufer im praktischen Wirtschaftsalltag mit Preisen und Kosten machen. Da diese Erfahrungen, jedenfalls von der Seite der Zahlenden aus gesehen, gerade in den vergangenen Monaten nicht überall die besten waren, gilt für sie die These von dem sich "ständig verdünnenden Geldwert", wie man auch anders so schön sagt, als eine ausgemachte Tatsache, die nun einmal nicht zu bestreiten ist. Es gibt andere Menschen, für die Statistiker nicht unbedingt Hasardeure sind, die es darauf anlegen, den Zeitgenossen mit einem raffinierten Zahlenhokuspokus über den wahren Sachverhalt hinwegzutäuschen. Was sollten sie auch schon für ein Interesse daran haben? Sie machen sich also, bevor sie das Wort von der angeblich ständig sinkenden Kaufkraft in den Mund nehmen, die Mühe, gelegentlich auch in einem jener Ausweise zur Wirtschaftsentwicklung zu blättern, die von den verschiedensten Instituten in der Bundesrepublik regelmäßig erstellt werden. Dann rückt sich manches zurecht, was auf den ersten Augenblick und aus der täglichen Portemonnaie-Perspektive gesehen in der Tat Grund zur Aufregung zu geben scheint.

Wenn über einen längeren Zeitraum hinweg die Preise der Erzeuger und des Handels, von geringfügigen Schwankungen abgesehen, immer nur nach oben tendieren, wenn also die verschiedenen Indices sich in mehr oder weniger klar aufwärts gerichteten Linien darstellen, dann kann man von einer "schleichenden Inflation" sprechen. Wer aber auch nur einen flüchtigen Blick auf unser Schaubild wirft, das wir nach Unterlagen des Statistischen Bundesamtes haben herstellen lassen, der wird mit uns der Meinung sein, daß davon nun keineswegs die Rede sein kann. Die Preisentwicklung der vergangenen sechs Jahre zeigt eine verwirrende Vielfalt gegenläufiger Tendenzen, die sich überschneiden und neutralisieren, eben jenes Bild eines mehrschichtigen Auf und Ab, das, wenn die Ausschläge in maßvollen Grenzen bleiben, als durchaus normal für eine in der Expansion stehende Wirtschaft angesehen werden kann. Der durch die Koreakrise ausgelöste Boom jagte die Preise in allerdings gefährlich steilem Anstieg nach oben. Die Jahre 1952 und 1953 brachten dann eine spürbare Entspannung, also ein Absinken der Preiskurven, und zwar mehr oder weniger auf allen Gebieten. In den Jahren 1954 und besonders gegen Jahresende 1955 überwiegen wieder die Auftriebstendenzen, wenn auch keineswegs in jener Einhelligkeit, um schlankweg gleich von einer inflatorischen Entwicklung sprechen zu können. Der so berüchtigte Lebenshaltungskostenindex, Anlaß wohl schon zu so manchem häuslichen Zwist über das wöchentliche oder monatliche Wirtschaftsgeld,steht heute, auf der Basis von 1950 (gleich 100) gerechnet, auf 112. Er hat damit, trotz der vielen bösen Preisüberraschungen der vergangenen Monate, den Stand erreicht, den er um die Jahreswende 1951/52 hatte, als unsere Statistiker drei Monate hindurch die gleiche Zahl für die Lebenshaltungskosten errechneten. Wenn unsere Hausfrauen also heute schlechter als damals vor fünf Jahren mit ihrem Haushaltsgeld zurechtkommen, dann kann das nicht nur an den in letzter Zeit gestiegenen Preisen liegen. Auch unsere Ansprüche haben sich ja wohl in der Zwischenzeit erhöht. Und wenn man sich also schon von dieser Seite vor einer "falschen Optik" hüten muß, so ist auch des weiteren nicht uninteressant, festzustellen, daß die Preisauftriebe, die die Lebenshaltungskosten in den vergangenen beiden Jahren nach oben gedrückt haben, fast ausschließlich von jenen Bereichen ausgehen, in denen der Staat "marktordnend" tätig ist und vor Jahr und Tag Preise verordnet hat, die sich gegenüber den realen Marktverhältnissen als falsch erwiesen haben und die darum nun, die echten Tendenzen der Preisentwicklung nach oben verzerrend, wohl oder übel korrigiert werden müssen.

Wir wollen mit solchen Randbemerkungen zur Preisentwicklung nun keineswegs die zweifellos bestehenden Anspannungen auf vielen Gebieten, die sich vor allem in letzter Zeit (Wohnungsbau!) sehr unangenehm bemerkbar machen, bagatellisieren. Größte Wachsamkeit ist am Platze. Aber es ist töricht und von der Sache her nicht gerechtfertigt, jedenfalls, was die Vergangenheit angeht, von so etwas wie einer ständig sinkenden Kaufkraft bei uns in der Bundesrepublik zu sprechen. Die Spareinlagen steigen nach wie vor weiter an – nach einem geringfügigen, durch technische Umdispositionen verursachten vorübergehenden Aderlaß vor der Jahreswende –, und auch das andere sehr reagible Thermometer der Währungsstabilität, der Goldmünzen-Markt, zeigt keinerlei beängstigende Ausschläge nach oben. Eine 20-RM-Goldmünze, die jeder Bundesbürger heute an jedem Bankschalter in der Bundesrepublik erstehen kann und die im Jahre 1950 noch mit 60 DM gehandelt wurde, kostet heute 42 DM, nachdem für sie allerdings Ende 1953 39,50 und Ende 1954 40 DM bezahlt wurde.

Wie die Reise allerdings weitergehen wird, das liegt im Schoß der Zukunft. Sie sollte man schon deswegen nicht mit düsteren Prognosen vorbelasten, weil es ja in der Tat keine Kleinigkeiten sind, die aus dem politischen Raum in den kommenden Monaten und Jahren auf uns zukommen. Auf jeden Fall ist die Keynessche Theorie, daß die Kessel der Konjunktur nur über eine "gentle Inflation unter Feuer gehalten werden können, ein schlechtes ideologisches Rüstzeug, um mit den Schwierigkeiten unserer Situation fertig zu werden. Die Erfahrungen, die die nordischen Länder mit der Vollbeschäftigungstheorie gemacht haben und heute noch machen, sind ja doch wohl weniger eine Bestätigung für die Richtigkeit dieser Lehre, als vielmehr für ihre außerordentliche Gefährlichkeit – also auch für die Gefährlichkeit von so leichtfertig hingesprochenen Redensarten, die uns Zwangsläufigkeiten weismachen wollen, deren Unausweichlichkeit durch nichts bewiesen ist. Bevor man hier resigniert, sollte man doch wohl lieber erst den weiteren Verlauf des Erhardschen "Experiments" abwarten, die Konjunktur auf hohem Stand zu halten, ohne die Stabilität der Währung zu zerstören. An der Entschlossenheit der verantwortlichen Währungs-Hüter an der Frankfurter Taunusanlage, auch harte und unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, wenn sie sich zum Schutz des Geldwertes als notwendig erweisen sollten, kann nach allem Drum und Dran der zweiten Diskonterhöhung jedenfalls nicht gezweifelt werden.