Nadine Gordimers "Entzauberung" Der literarische Hochmut des Europäers hat lange Zeit gebraucht, um zuzugestehen, daß Amerika zur "Weltliteratur" in Goethes Sinn des Wortes beitragen kann; Herman Melville hat diese Einsicht jedenfalls nicht mehr erleben dürfen, und sogar für Thomas Wolfe wäre es fast zu spät gewesen. Heute noch aber wird mancher bei uns zweifelnd fragen: "Was kann aus Südafrika Gutes kommen?" Auch dieser Zweifel wird ihm vergehen können, wenn er nur die ersten Seiten in dem Buch einer jungen südafrikanischen Autorin liest, das soeben in einer meisterlichen deutschen Übertragung erscheint:

Nadine Gordimer: "Entzauberung". Roman. Übertragen von Wolfgang von Einsiedel, S. Fischer Verlag, Berlin und Frankfurt a. Main, 504 Seiten, 19,80 DM.

Autobiographische Entwicklungsromane junger Frauen kennt die große, die Weltdichtung bisher kaum oder gar nicht. Helen Shaw, Tochter britischer, sogar erzbritischer Eltern, aufgewachsen in der so aufwändigen wie spießbürgerlichen Atmosphäre von Bergwerksdirektionen am Witwatersrand, durchbricht, ohne reflektierten Vorsatz, nicht nur diesen heimischen Dunstkreis, sondern gerät alsbald in jene Kette von Entscheidungssituationen, die dem "unbehausten Menschen" der abendländischen Kultur nun einmal überall aufgehalst werden, sobald er sich seiner Unbehaustheit bewußt geworden ist – überall, auch in dem nur scheinbar so "weltentlegenen" Südafrika.

Ja, hier erst recht. Denn im Lande der weißen Minderheit und der schwarzen Mehrheit, der weißen Reichtümer und des schwarzen Elends gibt es für den jungen Menschen beider Geschlechter zunächst nur eine Alternative: entweder wegsehen von dem Prekären oder erkennen. Sie alle sitzen, das erfährt Helen Shaw in den Etappen ihrer "lügenden Tage" ("The lying days"ist der englische Titel), in einem Boot – aber in einem Boot, das leck geworden ist, weil die Insassen statt auf die Sturzwellen nur auf ihre Placierung an möglichst bequemen Plätzen geachtet haben und weil die Steuerleute sich darauf kaprizieren, die Schiffbrüchigen nach Hautfarben rangiert voneinander abgesondert zu halten.

Die außerordentliche Kunst der jungen Autorin läßt dies krisenhafte Verhängnis nun aber nicht – schon von vornherein für den Leser da sein, sondern es erst im allmählich sich weiternden Horizont der Ich-Erzählerin heraufziehen und bewußt Werden. Wie jemand, der mit wißbegieriger Lust von einer Zwiebel eine Schale nach der anderen abzieht, um dann zu entdecken, daß der Kern giftig ist, so enthüllt sich für Helen Shaw fast unmerklich das wahre Gesicht der Welt, in die sie "geworfen" ist – und das Vermögen, diese Unmerklichkeit in den sachtesten Tönen des erzählenden Berichts, scheinbar immer nur dem Augenblick und seinen konkreten Alltagsfragen zugewandt, dem Leser dennoch als Prozeß mitzuteilen, ist diejenige Qualität, die Nadine Gordimers Buch in die große Literatur der Gegenwart rückt.

Helen Shaw achtjährig, ein sensibles, aufgewecktes und zärtlichkeitsbedürftiges Kind – das ist der Anfang. Das erste, das zweite, das dritte erotische Erlebnis – jedes mit einer dezenten Unverblümtheit berichtet, vor der sich Simone de Beauvoirs Deutlichkeiten wie Pupertätskritzeleien ausnehmen – verbindet sich dann jeweils mit einer neuen und bangen Phase der Welterfahrung. Die idealistische Unbedingtheit der reifenden Jugend, auch sie (wie man hier erkennen kann) kein Reservat der europäischen Intelligenz, zerbricht aber nicht nach Art französischer Romanpsychologie von heute an der Unzulänglichkeit von Partnerschaften der Liebe, sondern an dem Gewahrwerden der unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Menschen und seinem Nebenmenschen in einer aufgerissenen und fragmentarisch gewordenen Kultur.

Da ist die einzige schwarze Studentin der Johannesburger Universität, unangefochten (das Kapitel spielt noch vor Malans "Apartheids"-Gesetzen), ja, liebenswürdig betrachtet von ihren weißen Kommilitonen. Als aber Helen in Erfahrung gebracht hat, daß das schwarze Mädchen, in einem Slum wohnend, zu Hause nicht arbeiten kann und ihr bei ihren Eltern eine Unterkunft besorgen möchte, da wendet sich alles gegen sie, ganz Südafrika: die Eltern ziehen die Trennung von der Tochter einer solchen Schande vor, die schwarze Köchin beschuldigt Helen der Pietätlosigkeit gegenüber ihren Eltern, der jüdische Freund äußert der gleichen Vorwurf auf minder primitiver Ebene unter Berufung auf die Achtung, die man Eltern und ihren Vorurteilen schuldig sei – und die schwarze Studentin tut dasselbe. Sie, sagt sie, würde es nie übers Herz bringen, ihrem Vater ein entsprechendes Ansinnen zu stellen ...