Der Fahnenmast über den Zinnen des Palais Schaumburg ragt kahl in den wolken verhangenen Märzhimmel. Die schwarzrotgoldene Standarte, die sonst allmorgendlich die Anwesenheit des Hausherrn kündet, bleibt in diesen Wochen eingezogen. Sie ist in der Reinigung. Der Kanzler hat Ferien gemacht.

Schon im Dezember vergangenen Jahres war dem von seiner schweren Herzkrankheit genesenen Dr. Adenauer von seinen Leibärzten dringend ein Genesungsurlaub verschrieben worden. Die unruhige innen- und außenpolitische Situation gab ihm aber erst jetzt die Gelegenheit dazu. "Es werden, wie ich hoffe", so sagte er am Vorabend seiner Abreise, "einige ruhigere Wochen ... kommen, so daß ich meine Abwesenheit von Bonn glaube verantworten zu können."

Allein, selbst im lieblichen Tessin verfolgt die hohe Politik den deutschen Regierungschef. Am letzten Wochenende wechselte er sein Quartier. Der deutsche Gesandte in der Schweiz, Holzapfel, hatte unter den vom Schweizer Fremdenverkehrsverein angebotenen Objekten ausgerechnet die Villa des Mitbegründers des eidgenössischen Faschismus, Nino Rezzonico, in Porza für den deutschen Bundeskanzler ausgesucht und gemietet. Ärgerliche Kommentare in der Schweizer Presse über Dr. Adenauer "im Faschisten-Nest" waren die Folge. Keine zwei Tage hielt es den Kanzler an jenem Ort. Am Sonntag zog er um, zunächst in das Hotel Monte Veritas oberhalb Asconas am Lago Maggiore gelegen, von wo aus seine Begleitung zur Zeit nach einer neuen Bleibe sucht.

Zwar werden von amtlicher Seite alle politischen Spekulationen über den Exodus des Bundeskanzlers aus der Villa Rezzonico vorwurfsvoll zurückgewiesen, das Haus sei nicht genug heizbar, telephonierte der persönliche Kanzlerreferent Kilb nach Bonn, und die Gesandtschaft in Bern ließ verlauten, der noch herumliegende, langsam zu Matsch werdende Schnee mißfiele dem prominenten Feriengast. Aber in Bonn entsinnen sich manche Beobachter, wie unverzagt Dr. Adenauer während der Genfer "Gipfelkonferenz" im vergangenen Sommer in seinem verregneten, weg- und steglosen Urlaubsort Mürren aushielt. Im Grunde widersprechen sich die amtlichen Auskünfte und das Kulissengeflüster ja auch gar nicht: es war’eben das "Klima" und der Dreck, die dem Kanzler an dem Faschistenheim nicht gefielen. Im heimatlichen Bonn indessen wird seit der Abreise des alten Herrn die Politik klein geschrieben. Mit Dr. Adenauer hat, so will es scheinen, die ganze Hauptstadt frei genommen. Denn Bonn ohne Bundeskanzler ist wie eine Suppe ohne Salz, ein Omelett ohne Eier. Verwaist liegen das abgeschlossene hohe Arbeitszimmer des Regierungschefs im ersten Stock des Palais Schaumburg, und die Einbahnstraße zwischen Bundeskanzleramt und Bundestag, die nur vom Kanzler in beiden Richtungen befahren werden darf (und da soll noch einer über die Symbol-Armut unserer jungen Demokratie klagen), verwaist auch das Parlament selbst. Mit dem Kanzler sind von der Tagesordnung des Bundestages alle heiklen und hochpolitischen Themen verschwunden. Die vielgelästerte Gesetzesmaschine läuft mit halber Kraft. Nach den Osterfeiertagen sollen zweitrangige Routine-Angelegenheiten aufgearbeitet werden.

Wenn die Katze fort ist, so heißt es, tanzen die Mäuse auf den Tischen. Wenn in Bonn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse nicht, sondern erholen sich von dem anstrengenden Tanz, den sie zuvor nach der Pfeife der Katze hatten ausführen müssen.

Wie stets bei einer Reise des Bundeskanzlers haben auch diesmal die politischen Protagonisten jeder Couleur die Gelegenheit zu einem Urlaub genutzt. Wer nun einmal mitwürfelt beim "Menschärger-dich-nicht"-Spiel um Macht und Einfluß in der Republik, tut nämlich gut daran, nicht allzu lange fern zu sein, wenn Dr. Adenauer im Lande und am Regieren ist. Während fast alle Kabinettsmitglieder über die Osterfeiertage ein verlängertes Weekend machen, hat über ein halbes Dutzend von ihnen die Ferienzeit des Bundeskanzlers zu eigenen Ferien erkoren. So sammelt Außenminister Heinrich v.Brentano im Kneipp-Kurort Bad Wörrishofen neue Kraft, Bundesjustizminister Neumayer auf Capri und der "gesamtdeutsche Kaiser" in Badenweiler. Atomminister Franz Joseph Strauß zog es nach Rom und Vertriebenenminister Oberländer nach Meran. Auch Verkehrsminister Dr. Seebohm glaubt einen längeren Kuraufenthalt nötig zu haben. Und selbst der Oppositionschef, SPD-Führer Erich Ollenhauer, richtete seinen Terminkalender nach dem des Kanzlers ein. Vier Wochen will er in Bad Orb verbringen. Wenn uns auch bisher keine Zweiparteien-Außenpolitik beschieden war, so haben wir es doch immerhin schon zu Zweiparteien-Ferien gebracht.

Nur einer in der Schar der Erholungssuchenden hat ganz andere Gründe als alle anderen, gerade jetzt einmal frei zu machen: der sagenumwobene Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Hans Globke, er wird vom Karfreitag bis zu "Führers Geburtstag" am 20. April seinem Amt und seinen Dossiers fernbleiben. Jedoch nicht, weil er in einem Urlaub, während der Kanzler in Bonn ist, sich um Position oder Einfluß sorgen müßte. Im Gegenteil: weil er nicht noch einmal den bei der letzten Krankheit Dr. Adenauers aufgekommenen Gerüchten neue Nahrung geben möchte, daß bei Abwesenheit des großen alten Mannes "der Bundeskanzler Globke heißt".

Konrad Adenauer hat einst das romantische Universitätsstädtchen im Schatten des Siebengebirges zur Bundeshauptstadt gemacht. Wie im Märchen fällt es noch heute in einen Dornröschenschlaf zurück, sobald der Kanzler ihm den Rücken kehrt. Und wie im Märchen wird es jäh zu regem Leben erwachen, sobald sein Erlöser wieder hinter den Sieben Bergen auftaucht, auch wenn es sich nicht um einen rosigen Prinzen handelt. W. Schneider