Im weltabgeschiedenen Merton-Tal, irgendwo hoch im Norden, geht manches nicht mit rechten Dingen zu. Zweimal wird ein Mädchen von einem Ziegelstein getroffen, der frei umherwirbelt, ohne daß ein Untäter mitwirkt. Der Blick jenes Mädchens aber löst peinliche Wunder aus. Wer in diese Augen geschaut hat, bekennt fortan unaufgefordert die Wahrheit; gleichviel, ob es ihn Ruf, Geld und Stellung kostet. Ein Manager, der den Frieden des Tales, in dem niemand zur Schule geht und doch jedermann lesen, schreiben und rechnen kann, mit einem Hotelprojekt stört, erntet handfesten Widerspruch; geheimnisvolle Fäuste werfen wiederholt die frischgemauerten Wände um. Als sich schließlich die jeden Talbesucher ansteckende Wahrheitsseuche auf das ganze Land auszubreiten droht, greift das zuständige Ministerium ein. Der einzige Weg nach Merton, der über einen Gebirgskamm führt, wird durch eine Sprengung zerstört. Wonach die hermetisch von ihrer Umwelt Abgeriegelten humanerweise durch Fallschirme mit allem versorgt werden, was lebensnotwendig oder gut und teuer ist.

Es ist eine recht wechsel- und figurenreiche Geschichte, die ein bei uns bis dato unbekannter dänischer Erzähler ausgeheckt hat. Hat man sich von dem phantastischen Treiben erst einmal gefangennehmen lassen, liest man seine gemütvolle Beschreibung mit ungeteiltem Vergnügen:

Eiler Jörgensen: "Das glückliche Tal." Roman. Aus dem Dänischen von Albrecht Leonhardt. Marion von Schröder Verlag, Hamburg, 219 S., 10,80 DM.

Das Photo des Autors zeigt einen bärtigen, vollwangigen Sanguiniker, dem der Schalk aus den Augen blitzt. In Alya, der schönen Witwe, und dem ratlosen Zeitungsverleger Amillar, dem jäh von Gewissensbissen befallenen Spekulanten Osborne und dem angeekelt sein Geld verstreuenden Doktor Marman sind ihm besonders füllige Gestalten gelungen. (Daß sie allesamt obendrein auf beigegebenen Zeichnungen paradieren, die nicht die leiseste dänisch-nordische Kontur haben, dafür aber das Buch neckisch verniedlichen, möge niemanden abschrecken!) So unterhaltsam der kleine Roman ist, so wenig enträt er einer gewissen dichterischen Spannung. Mit steigender Leselust spürt man, wie mit Mutterwitz und befreiendem Spott hier einer Welt ein Fabelspiegel vorgehalten wird, unter deren Unwahrhaftigkeit ja auch wir selber höchst real seufzen. Albrecht Leonhardts Übersetzung entspricht vorbildlich dem Original, was hier aus eigener Kenntnis des dänischen Textes versichert werden kann. hg. m.