Von Indro Montanelli

Paris,Ende März

Früher kam man nach Sarlat (Périgord), um das alte Schloß des berühmten Kreuzfahrers Gottfried von Bouillon zu sehen, und ich war damals ziemlich enttäuscht gewesen, nur ein paar Ruinenreste auf einem bescheidenen Hügel mit dem pompösen Namen: Mont Jost vorzufinden. Jetzt tat sich die Lage vollständig geändert. Das Schloß ist restauriert worden, und darum herum blüht ehe richtige Stadt auf, die den Ehrgeiz hat, mit der Zeit ein Touristenzentrum zu werden.

Ein neuer Bouillon hat die Initiative dazu ergriffen. Er heißt zwar nur Jo und hat auch Jerusalem nicht befreit, aber dafür Joséphine geheiratet. Als Jo sie zum Altar führte, war sie schon Besitzerin des Schlosses und etwa 200 Hektar Landes gewesen, die zusammen das Gut Milandes ausmachen. Joséphine hatte alles im Jahre 1945 gekauft in der Absicht, etwas Originelles daraus zu machen, doch war sie sich damals noch nicht recht klar darüber gewesen, was es werden sollte. Erst nachdem das Paar, das sich "Jo-Jo" nennt, in Rom beim Heiligen Vater empfangen wurde, hatten sie einen Plan.

Die braven Bauern der Umgegend hatten sich weiter nicht gewundert, als Joséphine die alle Ruine ausbaute und bewohnbar machte. Wenn sie es auch im stillen etwas übertrieben fanden, daß gleich 19 Zimmer und fünf Bäder eingerichtet wurden. Besonders die fünf Bäder erregten sie. Sie hatten aber auch nichts dagegen einzuwenden, daß die neue Herrin aus dem verkommenen Gut eine Modellfarm machte mit 25 Kühen, 100 Schweinen und tausend Hühnern. Natürlich waren sie alle miteinander davon überzeugt gewesen, daß sich das nie im Leben rentieren würde. Es handelte sich eben um schwerreiche Leute aus der Stadt, die nun einmal so seltsame Steckenpferde haben.

Sie begannen erst die Augen aufzureißen, als sie einen schöngepflasterten Platz entstehen sahen, auf dem ein prachtvolles Denkmal errichtet wurde, das eine Frau darstellte, die Joséphine zum Verwechseln ähnlich sah. Getauft wurde dann der Platz, ohne falsche Bescheidenheit, "Place Joséphine".

"Die müssen vollständig verrückt sein", erklärten die Einwohner von Sarlat einstimmig und machten sich gefaßt, bald von einem Bankrott zu hören, der den abwartenden guten Bürgern und vorsichtigen Bauern das Gut Milandes mit allem Zubehör billig in die Hände spielen würde. Sie wurden in dieser Meinung noch bestärkt, als sie um den leeren Marktplatz ein Restaurant, einen Tabakladen, ein Postbüro und dann als Krönung des Ganzen ein Hotel mit 25 Zimmern entstehen sahen, von denen jedes auf einen Namen getauft war. Das schönste hieß natürlich "Joséphine Ba". "Ba", damit niemand auf den fälschlichen Gedanken käme, es könnte eventuell eine andere Joséphine – Beauharnais zum Beispiel – damit gemeint sein. Drei Tennisplätze, ein Bad, ein Brunnen, ein Elektrizitätswerk, zwölf Kilometer lange Kanalisation und eine Telephonanlage sorgten für alle Bedürfnisse des neuen Ortes und der Touristen, deren Zahl sich in diesem Jahre zum Beispiel schon auf 200 000 belief.