Der Bundesrat hat, ohne auf die grundsätzliche Frage: Wehrpflicht oder Berufsheer einzugehen, für den Fall der Annahme des Wehrpflichtgesetzes, das ihm am Freitag im ersten Durchgang vorlag, einen nur zwölfmonatigen Wehrdienst vorgeschlagen. Der Antrag wurde von Baden-Württemberg gestellt, also einem Lande, in dem die CDU die stärkste Koalitionspartei ist. Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bremen – vier Länder, in denen die SPD die maßgebliche Position hat – stimmten für diesen Antrag. (Aber auch die bayerische CSU, repräsentiert, durch einen so prominenten Sprecher wie Dr. Jäger, hält in ihrer Mehrheit einen zwölfmonatigen Wehrdienst für ausreichend.) Hamburg und Niedersachsen enthielten sich im Bundesrat der Stimme, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz neigten der Meinung der Bundesregierung zu, daß die Rekruten 18 Monate dienen sollten. In der CDU selbst sind die Ansichten geteilt.

Das Bundesverteidigungsministerium hält eine achtzehnmonatige Grundausbildung für notwendig. Die Kritiker, die es in allen Parteien gibt, wenden ein, die Grundausbildung lasse sich auch in zwölf Monaten vermitteln; die Bedienung der komplizierten technischen Waffen und Geräte aber sei auch in achtzehn Monaten nicht erlernbar.

Das Zahlenverhältnis zwischen den Spezialisten und der milizartigen Truppe, die sich um den Spezialistenkern des Heeres zu gruppieren hätte, dürfte etwa 50 zu 50 sein. Es könnte sich eher zugunsten der Spezialisten verschieben. Für diesen hochqualifizierten Teil der Armee hofft man genügend Freiwillige dadurch zu gewinnen, daß man ihnen eine entsprechende Förderung bei ihrer beruflichen Ausbildung zuteil werden lassen will, während ihnen andererseits auf Grund der technischen Erfahrungen, die sie sich in ihrer Militärdienstzeit erwerben würden, sicherlich gute Chancen im Berufsleben geboten würden. Die Wirtschaft bekäme auf diese Weise auf einem Umwege wieder zurück, was ihr durch den vorübergehenden Entzug von Fachkräften verlorenginge: nämlich nachher noch besser qualifizierte Spezialisten; die Gruppe der Nichtspezialisten aber würde ihr nur für zwölf und nicht für achtzehn Monate entzogen werden.

Die Wehrexperten der SPD haben sich für das Berufsheer entschieden. Ihre frühere Sorge, daß ein Berufsheer sich wie die Reichswehr zum Staat im Staate entwickeln und damit unter Umständen eine politische Gefahr werden könnte, scheint heute durch die Feststellung beschwichtigt zu sein, daß mindestens die Hälfte eines modernen Heeres ohnehin aus Berufs- oder länger dienenden Soldaten bestehen müsse. Dann komme es, so folgern die Vertreter dieser Ansicht bei der SPD, nicht mehr darauf an, ob auch noch die zweite Hälfte aus Berufssoldaten besteht.

Auch die Deutsche Partei setzt sich für ein Berufsheer ein. Der Militärexperte der FDP, Dr. Mende, sprach sich ebenfalls für einen zwölfmonatigen Wehrdienst aus. Im Augenblick sieht es also so aus, als ob sich im Bundestag eher eine Mehrheit für eine einjährige als für eine anderthalbjährige Wehrdienstzeit fände. Es ist aber wohl anzunehmen, daß zumal die Rücksichtnahme auf die NATO manchen, der zur Zeit noch für den kürzeren Wehrdienst ist, umstimmen dürfte. Niemand kann freilich voraussehen, wohin die Entwicklung in einigen Jahren führen wird und welche Maßstäbe dann richtig sein werden. Durch die Umstellung auf eine immer bedeutsamer werdende atomare Rüstung können sich völlig veränderte Aspekte ergeben, die die NATO in ihrer Gesamtheit zu neuen Entscheidungen nötigen würden. R.S.