Geistvoll - doch nicht aufregend

Von Ilse Langner

Am Spätnachmittag ihres Lebens schrieben zwei der prominentesten Frauenrechtlerinnen mit sachkundiger Überlegenheit diese in sich verschiedenen Bücher, die dennoch dem Leser den gleichen, selten gewordenen Genuß geistvoller, wenn auch kaum erregender Unterhaltung bereiten:

Gertrud Bäumer: "Eine Woche im Mai." Jubiläumsband im Rainer Wunderlich Verlag, 6,80 DM.

Dorothee von Velsen: "Im Alter die Fülle" im Rainer Wunderlich Verlag, 16,80 DM.

Die studierten Damen erquicken uns mit ihrem Takt, ihrer Distinktion, ihrer Kultur. Während Gertrud Bäumer sieben Maitage des jungen Goethe mit inniger Bemühung neu erstehen läßt, gestaltet Dorothee von Velsen die Jahrzehnte des eigenen tapferen Daseins. Überraschend wirkt in beiden Büchern, die der Rainer Wunderlich-Verlag im Jahr seines dreißigjährigen Bestehens herausgibt, die ähnliche Lebenseinstellung zweier verschiedener Persönlichkeiten, die nur durch die gleiche Erfahrung und Erkenntnis entstanden sein kann. Dr. Bäumer und Dr. von Velsen sind zwar Vorkämpferinnen der Emanzipation, doch verfielen sie nicht der Vermännlichung, sondern verstanden es in vorbildlicher Weise, ihr erweitertes Wissen zur Durchdringung des weiblichen Elements mit männlicher Logik und geistigem Scharfsinn zu nutzen. Aus dieser Symbiose weiblich-männlichen Gemüts und Geistes bildeten sich die Vornehmheit und Weltweite ihrer Anschauung, ihr Wirklichkeitssinn, der nie in gewalttätigem Naturalismus ausartet. Maß und Rechtlichkeit scheinen zwei wesentliche Tugenden der Autorinnen zu sein, die ihre Worte und Handlungen klar und redlich machen. Was beiden Büchern fehlt, aber kaum vermißt werden darf, da es nicht vorgetäuscht wird, sind schöpferische Originalität und hinreißender Elan.

In dem liebenswürdigen Goethe-Buch von Gertrud Bäumer "Eine Woche im Mai" gelingt es ihr sogleich, uns etwas vom Schauer mitzuteilen, den die Weimarer am 12. Mai 1827 befiel, als der 78jährige Goethe wieder in sein Gartenhaus, das er am 17. Mai 1776, neun Uhr morgens, als Jüngling betreten hatte, zurückkehrte, um dort den "Faust" zu beenden und die Ausgabe letzter Hand: "Weil es denn mit uns sich dem Abschlüsse nähert, so mag sich die Schlange in den Schwanz beißen, damit es ende, wo es begann." Wir sind mit Goethe (und Gertrud Bäumer) erschüttert, wenn der große, alte Mann versonnen auf der Schwelle stehenbleibt und in die drei kleinen Zimmer blickt, auf den hohen Schemel mit dem Reitersattel vor dem Stehpult in der Fensterecke, denn: "Er ritt, wenn er schrieb!" Oder auf den großen Tisch des Mittelzimmers, wo die Mappen mit seinen Manuskripten ausgebreitet sind. Die Erinnerungen bezwingen ihn und uns. Am köstlichsten sind der Autorin die Gestalten der Herzoginmutter Anna Amalie gelungen.

Auch Charlotte, die Frau des Oberstallmeisters von Stein, wird uns behutsam nahegebracht, vor allem aber der junge Herzog, die Weimarer Hofgesellschaft, das zwischen Schloß und Park sich abspielende Residenzleben und Goethe! Natürlich Goethe, wie er liebt, wie er speist, wie er reitet und wie er dichtet. Seine Briefe an Auguste von Stolberg, aus deren Journal Gertrud Bäumer diese zarte Lebensrückschau entnommen hat, bilden die herzhaften Kernstücke des Buches. Ein junger, strahlender Mann, inspiriert von seiner Liebe, überwältigt von seinem Genie, im Gleichmaß gehalten vom ererbten Charakter der Textors und der Goethes. Er gewinnt unser Herz und erfreut unser Gemüt, und wir sind so angenehm in dieser einen Woche im Mai mit ihm beschäftigt, daß der gewaltige Schatten des großen Dichters uns kaum berührt. Darin liegt eine Meisterleistung von Gertrud Bäumer.

Geistvoll - doch nicht aufregend

Anders ergeht es mit ihrer Sprache. Ihre unverschnörkelte Art, sachlich zu sein, wo es um Sacher geht, wechselt jäh mit lyrischer Schwärmerei, wenr Gemütvolles ausgesagt wird; zwischendurch besehen sie uns obendrein die (gehaltvolle) Interpretation des Gedichtes: "Warum gabst Du uns die Tiefen Blicke –", die aber nur die Handlung hemmt, so daß wir uns nach der frischen Schilderung des Einzugs ins Gartenhaus zurücksehnen. Ein Wort, das "wie ein kaltes Eisen in das heiße Herz gefahren war" verstimmt uns, besonders wenn "Worte" auf derselben Seite sechsmal vorkommen. Warum übrigens keine Zeichen die Reden hervorheben, bleibt unerfindlich und behindert beim Lesen. – Die Zeichnungen von Wilhelm Plünnecke hingegen verdichten durch ihre Anmut die gefühlvolle kokette Welt des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts.

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Eine Biographie nimmt ihre innere Berechtigung aus der Voraussetzung, daß das geschilderte Leben durch einmalige Umstände, durch eine ungewöhnliche Veranlagung des "Helden" den Mitmenschen als Vorbild dienen kann, oder daß es durch die phantastische Fülle der Ereignisse anregend und romanhaft wird. Die Erinnerungen von Dorothee von Velsen sind bemerkenswert für die heutige Generation selbständiger junger Frauen, da sie die Entwicklung eines jungen Mädchens von der wohlbehüteten Höheren Tochter des Großbürgertums zur tätigen Mitarbeiterin am "Hilfswerk der Deutschen Frau" schildert und mit kameradschaftlicher Sauberkeit alle jene Frauen nennt, die damals, besonders während des ersten Krieges, als Referentinnen für Kriegsamtsstellen arbeiteten. Diese Referentinnen mußten "sachlich vorgebildet sein, Frauen- und Wohlfahrtsvereine kennen, über verbindliche Umgangsformen verfügen, männliche Vorgesetzte zu nehmen wissen und weder bei Arbeitgebern noch Arbeitnehmern anstoßen. Endlich waren konfessionelle und in gewissem Umfang parteipolitische Rücksichten geboten." Wenn wir das lesen – übrigens hat das Frauenreferat Hamburg Gertrud Bäumer übernommen –, so packt uns Bewunderung für die Schlangendamen, die sich durch all diese Schwierigkeiten zähe und sicherlich mit dem Abstreifen vieler persönlicher Häute bewegt haben und es schließlich mit Hartnäckigkeit und Einfühlsamkeit dazu brachten, daß diese "Frauenreferate Vorstufen zu Ämtern wurden, die wenige Jahre später in Reich und Ländern geschaffen wurden." Wir hören von Frauenkongressen nach dem ersten Weltkrieg, von der schönen Zeit zwischen den Kriegen, die mit nachdenklichen Reisen erfüllt sind. Während der zweiten Weltkatastrophe finden wir die Autorin in dem Dorf Ried bei Benediktbeuren von Schrecknissen geborgen. Erwähnenswert ist noch die in dem Buch geschilderte Ablehnung der deutschen Frauenvereine gegen die Hitlersche Frauenschaft.

Im Gegensatz zu der wechselvollen Sprache von Gertrud Bäumer bleibt Dorothee von Velsen gleichmäßig nüchtern. Hinzu kommt eine Überfülle privater Erlebnisse und Personen, die den sachlichen Wert der Biographie mindern. Ein Frauenbuch ohne Sentimentalität, doch auch ohne überzeugende Wärme.