Von Gottfried Paulsen

I. Meißen

Sie fiel in der Stadt allgemein auf, weil sie enganliegende schwarze Hosen und eine resedagrüne Popelinejacke trug. Ihre flachen Riemchenschuhe klapperten energisch die steile „Freiheit“ zum Burgberg hinauf. An der Schloßbrücke holte ich sie ein. Ich sprach sie an. Auch von drüben – na, so ein Zufall! Sie war Abiturientin und kam aus Düsseldorf, um eine Tante zu besuchen. Wir verschnauften ein wenig.

„Wissen Sie“, sagte die junge Dame, „ich hätte nie gedacht, daß es hier so schön... so bedeutend ist.“ – „Warum?“ fragte ich. – „Ach, hier im Osten ... was man so hört. Vati wollte mich erst gar nicht fahren lassen. Und ich dachte, das wäre hier alles schon so’n halbes Rußland ...“

Rußland? Ich blicke ringsum. Vor mir auf der jäh aufschießenden Felskuppe die spitzen Domtürme, die dicht an den Berg gepreßten alten Domherrenhäuser, die Albrechtsburg; links Gärten, Obstbäume, verstreute Häuser; rechts und hinter mir ein Gewirr rostbrauner Ziegeldächer, die Altstadt, aus deren engen Gassen ich gerade emporgestiegen bin, dunkel die Elbe, weites Land. Die ehemalige Mark Meißen, kolonisiert vor über tausend Jahren, Bistum seit dieser Zeit, Heimstätte der berühmten Fürstenschule St. Afra und der ältesten europäischen Porzellanmanufaktur.

Rußland? Die Menschen einer traditionsreichen kleinen Stadt sind meist konservativ und hängen an ihrer bescheidenen Welt. Der Hausgarten ist wichtiger als die Parteiversammlung. Gefährliche Leute kennt man und redet mit ihnen nur übers Wetter. Versuche, die Bevölkerung aus ihrer Reserve zu locken, schlagen fehl, auch wenn – wie im Jahre 1955 – 12 000 Jugendliche von der kommunistischen FDJ zu einem Ostertreffen zusammengetrommelt werden. Masse überzeugt nicht immer.

Natürlich hinterläßt das Regime seine Spuren. Die Fürstenschule wurde zur „Zentralen Hochschule für landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften“; Schloß Siebeneichen, dem Gedenken deutscher Romantiker verbunden, ist eine SED-Ausbildungsschule für „kulturelle Aufklärung“.