Man merkt es glücklicherweise immer wieder, daß der Film nach Höherem strebt. Zwar hat ein wütender Engländer erst kürzlich gegen die vielen begabten Männer und Frauen gewettert, die sich heute damit beschäftigen – nicht etwa, wie die halbverschollene Redensart lautet, „das Volk zu erbauen“, sondern dieser Menge in allen ihren Grillen, Vorurteilen und Idiotien gefällig zu sein. Tag und Nacht klamüsern Filmstudios aus, wie man alles am besten einrichtet, färbt, zusammenschneidert und zurechtstutzt, damit es dem Haufen der Abnehmer pikant und angenehm sei. Die Geschichte wird verfälscht, die Wissenschaft umgebogen, die Religion sentimentalsten, die Beziehungen der Menschen werden hoffnungslos vereinfacht, auf daß nur ja niemand sich herausgefordert, beunruhige zu kritischem Nachdenken oder tieferem Empfinden veranlaßt fühlt... Soweit der Engländer. „Der Film ist zum größten Teil Abfall, und man muß das Wesentliche suchen“, so formulierte es Romane Guardini.

Wenn der deutsche Film gelegentlich nach Höherem strebt, überanstrengt er sich leicht. Tatsächlich sind in den letzten Tagen zwei „Problem“-Filme angelaufen, die einen gewissen Reichtum herzeigen, zwar keinen Reichtum an Werten, aber einen Reichtum an Einsichten. Zwei Filme mit zeitnaher Handlung: „Rosen für Bettina der die spinale Kinderlähmung zum Thema hat, und „Die Ehe des Dr. Danwitz“, der nun also auch auf der Leinwand das vieldiskutierte Thema des deutschen Wirtschaftswunders und die Unvollständigkeit der an ihm teilhabenden Menschen behandelt. Es ist der Versuch, mahnend an jene Menschen in geistiger Berufen zu erinnern, die an den materiellen Genüssen der Hochkonjunktur nicht teilnehmen. Aber bemüht sich der Film wirklich darum?

Beide Filme spielen in dem auf der Leinwand so beliebten Arztmilieu. Erste Einsicht: Hier werden gewiß zwei brennende Situationen beleuchtet, aber entweder hatte man nicht die Möglichkeit oder die Absicht, sie ernsthaft zu gestalten. In einem Kapitel von Max Ophüls über den Film und seine Leute ist zu lesen: „Der Film will heute seiner Sache sicher sein. Und das ist seine Krise. Früher, als er unsicher war und noch gefährlich, war er noch nicht gefährdet. Heute versucht er ein erprobtes Unterhaltungsmittel zu werden, das sich seine Konventionen zurechtkam, auf die es sich verlassen kann, und ängstlich Rückschau hält nach erprobten Rezepten, statt Ausschau nach dem Geheimnisvollen, von dem noch niemand etwas weiß. Vielleicht sind die Geldgeber dran schuld, die nicht Pioniere, nicht vitale Lassowerfer des Kinoglücks sind, sondern erfahrene Kaufleute, die gesellschaftsfähig wurden. Den Platz der Spieler haben die Großbanken und Finanzministerien eingenommen, die Verantwortung tragen müssen für die ihnen anvertrauten Sparbücher. Man muß sie verstehen.“

Also wagt man nichts und geht auf Nummer sicher. Also her mit der alten Schablone! Film 1: „Rosen für Bettina.“ Schon der Titel erweckt bewährte Assoziationen. Männer in weißen Kitteln; das zieht. Krankenhaus allerneuester luxuriöser Bauart. Obendrein der Film einer Tänzerin. Diesmal nicht die übliche Lungenschwindsucht, diesmal spinale Kinderlähmung, denn von diesem Thema ging man ja aus. Während die kranke Tänzerin daniederliegt, sucht ihr bisher nächster Mensch und Arbeitskamerad, der Choreograph des Balletts, das Weite (bis Barcelona) und eine andere Tänzerin, worauf der gütige Arzt (Willy Birgel) die Genesene und wieder Gehende im Auto in ein neues Leben führt. Wie diese Menschen in dieser sterilen Atmosphäre inzwischen miteinander umgingen, das ist sehr unglaublich und ungemütlich und sehr fern vom Ernst des Themas. Lange Tanzpassagen zu Tschaikowskijs „Nußknacker-Suite“ und Ravels „Bolero“ müssen darüber hinwegtragen.

Im Film 2 ist zum Artzthema, das die Sorgen und Nöte der jungen Assistenten anpackt, als Auflockerung und zugkräftige Attraktion das heute so gängige Milieu der sich an- und ausziehenden Mannequins gestellt. Ausgerechnet ein junger Wissenschaftler ist mit einem Mannequin verheiratet. Aber nicht nur in diesem Punkt sollte man sich hüten, allgemeine Schlüsse zu ziehen. Man käme sonst darauf, zu verallgemeinern, daß junge Ärzte in ständiger Versuchung sind, durch unerlaubte Eingriffe zu ihrem Hungerlohn einige tausend Mark hinzuzugewinnen...

Obwohl beide Filme unter ärztlicher Beratung entstanden sind, zeigen sie jene Mache, die den Ärzten mit Recht einen Horror vor Filmen im Arztmilieu einflößt. Sie nennen es „Der Arzt, wie er im Drehbuch steht“. Es ist alles „vorn“ und nichts dahinter. „Attrappenstücke“ nennt man das beim Theater. Es ist pure lebensfremde Konstruktion, wenn auch die Zutaten samt und sonders „aus dem Leben genommen“ sind.

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