Auf drei Säulen ruhte bis vor kurzem der Bolschewismus: Stalin, Lenin und Marx. Die Stalin-Säule wurde vor den Augen einer staunenden Welt von den Bolschewisten selbst zertrümmert, die damit dem Bolschewismus eine größere Niederlage bereiteten, als die gemeinsamen Anstrengungen seiner Gegner es bisher vermochten. Aber wie ist es mit den beiden anderen Säulen? Werden sie bis in alle Ewigkeit halten oder sitzt auch in ihnen bereits der Wurm?

Der Erzvater des Kommunismus Marx starb schon so früh (1883), daß ihm die heutigen Genossen seine haßerfüllten Tiraden gegen Rußland (gewiß, es war das zaristische Rußland, aber doch auch das Rußland der Russen) und seine Versuche, die öffentliche Meinung der westlichen Welt, insbesondere Englands, gegen das „barbarische, reaktionäre und rückständige Rußland“ aufzuhetzen, wahrscheinlich verzeihen würden. Aber was soll ein sowjetrussischer Bürger zu dem Frohlocken der bolschewistischen Emigranten (einschließlich Lenins) über die Niederlage Rußlands im russischjapanischen Krieg von 1905 sagen? Hier wird die Sache schon peinlicher. Tsuschima und Port Arthur waren ja nicht nur Ohrfeigen an die Adresse des Zaren, sondern auch an die Adresse Rußlands (daß es auch Ohrfeigen Asiens an die Adresse des Abendlandes waren, begriff damals noch niemand – am wenigsten Japans Verbündeter England).

Aber als ein noch weit schlechterer Patriot erwies sich Lenin im ersten Weltkrieg. Sein einziger Gedanke war, so rasch wie möglich an die Macht zu kommen. Das Schicksal Rußlands war ihm dabei völlig gleichgültig. Erstes bolschewistisches Nahziel war damals, die Niederlage Rußlands zu beschleunigen. Hier trafen sich die Wünsche der Bolschewisten mit denen – der kaiserlich-deutschen Regierung. Als Lenin von Mittelsmännern deutsches Geld und freie Durchreise durch Deutschland angeboten wurde, griff er ohne Zögern zu.

Ludendorffs Segen

Bisher hat man jenen „Pakt mit dem Teufel“ nur dem deutschen Partner übelgenommen, obwohl Deutschland für seinen Anteil an der Entfesselung des ideologischen Bakterienkrieges gegen das kaiserliche Rußland von der Geschichte bereits bitter genug bestraft wurde.

Jetzt scheint es an der Zeit, auch die Rolle des anderen Partners bei diesem dunklen Geschäft einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Daß Lenin sich von Ludendorff – genau gesagt, von der Abteilung III b des Generalstabs des Feldheeres – einen reservierten Wagen zur Verfügung stellen ließ, um damit mitten im Krieg durch Feindesland zu reisen, mag man sonderbar, aber verzeihlich finden. Sehr viel sonderbarer und vielleicht auchin den Augen eines patriotisch empfindenden russischen Kommunisten weniger verzeihlich aber sind Lenins Geldgeschäfte mit dem damaligen Todfeind seines Landes. Über diese Geschäfte geben Dokumente Aufschluß, die aus den Archiven der Wilhelmstraße stammen und die von den Alliierten nach dem zweiten Weltkrieg beschlagnahmt wurden. Der Oxforder Historiker Dr. George Katkov hat jetzt in dem Journal des Royal Institute of International Affairs einen Teil dieser Dokumente veröffentlicht.

Diese bisher unveröffentlichten Schriftstücke beweisen, daß die Idee, die Bolschewiken zu unterstützen, nicht (wie man auf Grund der fast schon zur Legende gewordenen Deutschlandreise Lenins in einem Sonderwagen des deutschen Generalstabs annehmen könnte) in den Köpfen der deutschen Militärs entsprungen war, sondern in denen der Politiker. Das entlastet zwar Ludendorff nicht, denn er gab jenem seltsamen Transport von „30 russischen Zivilpersonen“ (darunter neben Lenin, Radek und etwa 30 weitere Revolutionäre) durch Deutschland seinen vollen Segen, obwohl er damals zweifellos mächtig genug war, ihn zu verhindern. Aber es zeigt, daß er tatsächlich, wie er auch in seinen Memoiren versichert, bei der Unterstützung der Bolschewiken durch das Auswärtige Amt nur „ausführendes Organ“ war.

Der eigentliche Vater des Gedankens, sich mit den Bolschewiken gegen den Zaren zu verbinden, war der deutsche Botschafter in Kopenhagen, Graf Brockdorff-Rantzau. Er hat dies auch nie abgestritten, sondern, als man ihm Vorwürfe machte, mit. unberührter Miene erklärt: „Warum nicht, Rußland lag ja ohnedies in den letzten Zügen.“ Er war sogar stolz darauf, daß ihm gelungen war, was die Militärs mit ihren Riesenarmeen nicht geschafft hatten: das russische Glied aus der Front der Feinde Deutschlands herauszubrechen und die russische Regierung zum Friedensschluß zu zwingen. Rein „technisch“ war dieser Stolz vielleicht berechtigt, denn die Überwindung eines so mächtigen Feindes wie des riesigen russischen Reiches war ohne Zweifel eine diplomatische Meisterleistung. Daß die Seuche, die man dem Feind eingeimpft hatte, später auch andere Völker, darunter das eigene, befallen würde, hat Graf Brockdorff-Rantzau nicht vorausgesehen und konnte es vielleicht auch nicht voraussehen. Man sollte daher seinen Mangel an Weitsicht nicht härter (aber auch nicht milder) beurteilen, als den anderer Anhänger der Lehre, daß in der Politik der Zweck die Mittel heilige. Graf Brockdorff-Rantzau wollte, wie er sich – reichlich zynisch – ausdrückte, „einem Sterbenden eine Dosis Strychnin geben“. Als sich herausstellte, daß es kein „Strychnin“ war, das er dem Zarenreich verabreicht hatte, sondern eine höchst virulente Kultur von Pestbazillen, war es bereits zu spät

Was kostete die Revolution?

Viele Politiker haben sich darauf berufen, daß die Mittel, die sie wählten, zur Erreichung irgendeines großen und löblichen Zieles notwendig gewesen wären. Hitler wollte „Europa neu ordnen“ – und entfesselte einen Weltkrieg. Roosevelt und Churchill wollten einen schnellen Sieg über Hitler und überließen Stalin halb Europa. Stalin wollte das zukünftige gute Verhältnis zwischen Rußland und Polen sichern und gab den Befehl zur Ermordung von 11 000 polnischen Offizieren (davon 4000 im Walde von Katyn), um sich dieser antisowjetisch und antirussisch eingestellten Schicht zu entledigen...

Immer berufen sich die Politiker auf den guten Zweck, wenn sie sich unmoralischer Mittel bedienen. Sie vergessen dabei, daß es in der Politik, wie Fouché einmal sagte, Handlungen gibt, die Schimmer sind als Verbrechen, nämlich Dummheiten, und daß niemand den Ehrennamen Staatsmann verdient, der von der Kausalkette des politischen Geschehens nur den Zipfel sieht, der gerade vor seiner Nase hängt. Graf Brockdorff-Rantzau war einer der tüchtigsten Diplomaten, die Deutschland je besessen hat, und er sah – gerade was Rußland betrifft – weiter als die meisten seiner Zeitgenossen. Aber das Stück der Kausalkette, das er überblickte, war eben doch zu kurz...

Doch lassen wir die Dokumente selber sprechen: Im Frühjahr 1915 berichtet Graf Brockdorff-Rantzau dem Auswärtigen Amt in Berlin, daß er einen vorzüglichen „Rußlandsachverständigen“ namens Dr. Parvus-Helphand kennengelernt habe. Schon im August des gleichen Jahres kann er nach Berlin melden, daß „die Organisation des Dr. P.“ vorzüglich funktioniere. Parvus habe acht Angestellte in Kopenhagen und zehn in Rußland: „Bisher konnte alles so diskret gehandhabt werden, daß nicht einmal die Leute, die in der Organisation arbeiten, wissen, daß unsere Regierung dahintersteht ... P. hat gehört, daß Lenin nach Stockholm kommen wird. Er kann wenig tun, da ihm (Lenin) die Geldmittel fehlen...“ Einige Wochen darauf meldet Brockdorff-Rantzau, daß „Helphand“ (zu deutsch „Helfende Hand“!) die Kosten einer „vollständigen Revolution in Rußland“ auf 20 Millionen Rubel schätze. Am 29. Dezember unterzeichnete dann dieser mysteriöse Herr Parvus (ein früherer Revolutionär, der es später einträglicher fand, den Bankier der Revolution zu spielen) mit dem Namen Dr. A. Helphand folgende Quittung: „Erhalten von der deutschen Botschaft in Kopenhagen die Summe von einer Million Rubel in russischen Banknoten zur Förderung der revolutionären Bewegung in Rußland.“

Parvus-Helphand enttäuschte seine Geldgeber nicht. Im April 1917 traf Lenin (nach seiner Reise durch Deutschland) in Petersburg ein, und im November des gleichen Jahres war die bolschewistische Revolution „komplett“.

Kurz darauf telegraphierte der deutsche Staatssekretär des Äußeren Richard von Kühlmann an Kaiser Wilhelm: „Rußland schien das schwächste Glied in der Kette unserer Feinde. Die Aufgabe war daher, dieses Glied allmählich zu lockern und, wenn möglich, zu entfernen. Das war der Zweck der von uns geleiteten umstürzlerischen Tätigkeit hinter der Front. In erster Linie durch Förderung separatistischer Tendenzen und durch Unterstützung der Bolschewisten. Erst nachdem die Bolschewisten laufend von uns Geldmittel bekamen, waren sie in der Lage, ihr Hauptorgan, die Prawda, aufzubauen, energische Propaganda zu betreiben und die ursprünglich schmale Basis ihrer Partei bedeutend zu erweitern. Jetzt sind die Bolschewisten an der Macht. Wie lange sie an der Macht bleiben werden, kann man noch nicht voraussehen ... Es ist ganz in unserem Interesse, die Zeit, die sie an der Macht sind, die kurz sein kann, auszunutzen, um erstens einen Waffenstillstand zu erreichen und dann, wenn möglich, einen Frieden.. Es kann keine Rede davon sein, die Bolschewisten in Zukunft zu unterstützen.“

Sonne mit Flecken

Die konservative englische Zeitung Daily Telegraph beschäftigt sich unter der Überschrift „Neues Licht auf den Lenin-Mythos“ ausführlich mit den zitierten Dokumenten und nennt den Pakt zwischen Lenin und Kaiser Wilhelm den „vielleicht unheilvollsten und unverantwortlichsten Akt von politischem Opportunismus in unserer Zeit“. Ob dieser Superlativ berechtigt ist, darüber kann man angesichts der reichen Auswahl ähnlicher Vorgänge (die Beiträge Englands nicht ausgenommen) streiten. Augenblicklich setzt Moskau alle Hebel in Bewegung, um nach der Verfinsterung der Sonne Stalins die Sonne Lenins um so heller strahlen zu lassen. Wie werden die Sowjetmenschen reagieren, wenn nun auch auf dieser Sonne Flecken sichtbar werden? -ll