Die schneidigen jungen Herren aus Düsseldorf führten Regie

Der Würzburger Parteitag brachte Dr. Dehler einen starken persönlichen Erfolg. Er wurde mit einer eindrucksvollen Mehrheit (zwei Drittel der abgegebenen Stimmen) wieder zum Bundesvorsitzenden gewählt, obwohl viele Delegierte außerhalb des Saales seinen Rechenschaftsbericht als zu langatmig, zu sehr auf das Vergangene, zuwenig auf das Kommende weisend, kritisierten. Seine Freunde und Verbündeten sorgten dafür, daß sich diese Kritik im Saal nicht auswirkte. Reinhold Maier, Dr. Reif Berlin, warben eindringlich – Reif in einer menschlich sehr noblen Weise – für Dehler.

Politische Manager

Noch wirkungsvoller war die Regie seiner Verbündeten aus Nordrhein-Westfalen. Man muß aus der Nähe beobachtet haben, wie diese geschickten Direktoren des Politische-Geschäfte-Machens sich mit einem Augenzwinkern oder wenigen Worten zu verständigen wissen, um die Dinge nach ihrem Willen zu drehen: man soll sie und das politische Gewicht, das sie jetzt bereits in der Partei haben, richtig einschätzen. Auf das "Zupacken", für das ihnen Reinhold Maier dankte, verstehen sie sich in der Tat, diese Weyer, Döhring, Scheel. Wie robust sie zuzupacken verstehen, zeigte sich im Fall Middelhauve. Sie benutzten ihn seinerzeit, als sie ihn als Aushängeschild gebrauchen konnten, sie stießen ihn robust zur Seite, als sie ihn entbehren zu können glaubten und er gegen ihre robuste Politik Bedenken äußerte. Jetzt wünschten sie ihn nicht mehr auf dem Platze des stellvertretenden Vorsitzenden zu sehen. Noch am Tage vor der Wahl drängten sie ihn zum Verzicht auf die Kandidatur. Aber Middelhauve beugte sich nicht, und der Parteitag bekundete ihm mit 100 für ihn abgegebenen Stimmen Respekt für seine Leistung und Persönlichkeit. Freilich hätte es dieser Parteitag nicht gewagt, Middelhauve die Mehrheit der Stimmen zu geben, denn das hätten die neuen Herren in Düsseldorf als Affront gewertet.

Ihrer Regie fiel auch Minister Nowack aus Rheinland-Pfalz zum Opfer. An seiner Stelle wurde der neue hessische Landesvorsitzende Kohut gewählt – eine von Weyer empfohlene Geste des Entgegenkommens, durch die der hessische Landesverband, der die Parole ausgegeben hatte, Dehler nicht wiederzuwählen, enger in die Gesamtpartei gefügt werden soll. An die Stelle von Middelhauve tritt Dr. Mende. Ob er sich auf die Dauer den schneidigen Herren in Düsseldorf wird genug fügen können? Was man von jenen zu erwarten hat, zeigte ein Antrag, der zwar nicht durchdrang, der aber von Weyer sehr verteidigt wurde. Dieser Antrag erklärte jede öffentliche Kritik an der Partei und ihren gewählten Vertretern durch ein Parteimitglied für "parteischädigend" und verlangte die "entsprechenden Konsequenzen" für den Kritiker. Dieser neue Geist ist sehr anders als der, den die alte Frau Lüders zweimal in der Versammlung heraufzubeschwören versuchte, als sie die Delegierten aufforderte, vor der Versammlung doch zu sagen, was ihnen am Bundesvorstand nicht gefalle und was sie zu kritisieren hätten.

Es wurde keine ernsthafte Kritik im Saale geäußert: weder an Dehlers Politik noch an seinen sonst so häufig beanstandeten rednerischen Entgleisungen der letzten Monate. Auch Schwennicke brachte kein Wort des Tadels vor.

In zwei Punkten hatte Dehler die Versammlung fast einmütig hinter sich: in der Distanzierung von den Dissidenten und bei der Abkehr von Dr. Adenauer. Eine Anti-Adenauer-Stimmung, wie man sie so persönlich feindselig auch in den Reihen der SPD wohl nur selten antrifft, war der herrschende Akzent dieses Kongresses. Die Ungeschicklichkeiten des Palais Schaumburg gegenüber der FDP und die auf Band aufgenommenen Demütigungen Dehlers haben eine böse Saat aufgehen lassen. Man hat den Eindruck, daß Dehler des Grolls, der sich in seinem Herzen angehäuft hat, nicht mehr Herr werden kann und daß dieses Ressentiment nun seine politische Haltung bestimmt. Er richtet sich – daran ließ er keinen Zweifel – ausschließlich gegen die Person Adenauers, nicht gegen die CDU.